The crisis will not be televised
Zeitungen, die sich nicht mehr tragen, Fernsehsender mit massiven Sparprogrammen, Zeitschriften, denen Werbegelder fehlen: Die Medienindustrie hat es passend zur Weltfinanzkrise voll erwischt. Was ist die Lösung? Natürlich das Netz. Leicht wird es nicht.
Immer weniger Menschen informieren sich durch Printprodukte und das Fernsehen, immer mehr besorgen sich ihre Informationen direkt aus dem Netz. Das und die aktuelle Weltfinanzkrise sorgen dafür, dass die Medienbranche derzeit einmal mehr schwer blutet: Zeitungen tragen sich nicht mehr, Fernsehsender legen ein Sparprogramm nach dem nächsten auf, und Zeitschriften klagen über geringere Werbegelder. Was ist die Antwort auf das Problem? Natürlich das Netz selbst und die Migration aller Medien, die bislang noch offline erscheinen. Damit folgt man schlicht dem Leser und dem Zuseher dorthin, wo er bereits ist.
Ich weiß, dass ich hier vermutlich etwas predige, was vielen längst bekannt ist. Darum geht es aber auch nicht. Worum es geht, ist, dass das Einlassen auf das Netz durch die so genannten klassischen Medien noch immer nicht sonderlich ernsthaft geschieht. Zwar hatten wir in den letzten zwei Jahren einen kleinen Boom bei Online-Nachrichtenmedien in Deutschland, ein Relaunch folgte dem anderen. Das sorgte aber nicht etwa dafür, dass beispielsweise echte Recherchepools für Internet-Redaktionen gebildet worden wären, die im Sinne einer großen Print-Publikation Zeit für tiefgehende Online-Texte hätten. Stattdessen kam es verstärkt zum Durchjagen der Nachrichtenagenturenfeeds und einer eigentümlichen Boulevardisierung, weil sich Stars und Sternchen im Netz angeblich so gut klicken.
Die Gefahr, dass einige Verlage und Sender die jetzige Krise dazu nutzen, journalistische Qualität online zugunsten der Kostenersparnis weiter abzubauen, ist leider nicht klein. Zum Glück hat der Leser im Netz jedoch inzwischen Mittel der Gegenwehr in der Hand: Er kann höchst persönlich in seinem eigenen Blog, in Kommentaren und per direkter E-Mail Einfluss nehmen und, wenn Redakteure Mist bauen, es ihnen auch gleich um die Ohren hauen. (Dass der Umgang damit vielen Kollegen nicht leichtfällt, ist verständlich, doch sollten sie es einfach als Ansporn sehen, besser zu werden.)
Natürlich kann noch niemand sagen, wie die Medienlandschaft in einigen Jahren aussieht. Es ist gut möglich, dass bestehende Strukturen vollkommen durcheinandergewirbelt werden. Solange die Werbeeinnahmen im Netz geringer sind als im Print und im TV, wird es nicht leicht. Womöglich erleben wir ja auch hier und da eine Renaissance des so genannten "Paid Content", über den so viele in den letzten Jahren lächelten.
Das Konzept des Fernsehsenders, der in einem starren Schema eine Show nach der nächsten abspielt, ist beispielsweise bald passé. Das muss nicht unbedingt schlimm sein: Wenn eine beliebte TV-Serie im Netz auf ihrer eigenen Website mit ihrer eigenen Vermarktung läuft, statt auf Zuschauerzahlen eines großen Senders angewiesen zu sein, ist sie wenigstens davor sicher, abgesetzt zu werden, bevor die Zuseher eine Ploterlösung erfahren. Erste Hollywood-Produzenten probieren sich bereits erfolgreich daran, vermarkten erst werbefinanziert auf der Website und verkaufen dann Downloads und DVDs. Natürlich sind online die Etats erst mal kleiner. Aber wer sagt denn, dass das alles sich nicht auch wieder ändern kann? So ist das eben, wenn ein neues Medium in den Geburtswehen liegt. Das grundsätzliche Geschäftsmodell, dass Menschen sich von professionellen Autoren informieren und unterhalten lassen wollen, wird auch in den nächsten Jahrzehnten nicht absterben. Das geht aber nur mit Qualität, die man nicht nur als Phrase begreift. (wst)