Die Zukunft leuchtet

Wir sind durchschaut. Der Science Blog hat es schonungslos enthĂĽllt: Technology Review ist eine "Zeitschrift fĂĽr den tapferen Techno-Optimismus".

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Jetzt können wir einpacken. Wir sind durchschaut, entlarvt und preisgegeben. Der – ich wage es ja kaum zu schreiben – Kollege J. aus B. hat es im Science Blog schonungslos enthüllt: Technology Review ist nennt die "Zeitschrift für den tapferen Techno-Optimismus".

Was ist passiert? Wir hatten unter anderem von MIT-Studenten berichtet, die Bier mit Resvertarol anreichern wollen, indem sie die Gene von Hefe manipulieren, und von Bakterien, die Peptide produzieren sollen, die die Zähne schützen.

Aber alles viel zu amerikanisch, moniert der Kollege – und sooo unkritisch. Denn in der Zuspitzung von unreflektiert übernommenen PR-Meldungen aus dem MIT mutierten uns immer die ganzen schönen, bedenklichen Konjunktive weg. Aus "hätte, könnte und würde" wird dann leicht mal ein "wird". Und überhaupt, was wäre denn, wenn aus den vielen hübschen Ideen, über die wir da berichten, gar nichts wird? Wenn die nicht funktionieren? Sollte man nicht eigentlich, als Mitarbeiter eines seriösen Medienhauses zumal, erst dann berichten, wenn eine Entwicklung wirklich abgeschlossen ist? Mit greifbaren, prüfbaren Resultaten? Statt soviel Wind zu machen, wie wir das getan haben.

Ich räume hier mal freimütig ein, dass der Vorwurf zum Teil zutrifft. Zumindest für mich selbst kann ich sagen, dass ich im Grunde meines Herzens tatsächlich ein Technik-Optimist bin. Das mag damit zusammenhängen, dass ich mit herzerwärmend bunten Zukunfts-Bildern wie denen von Klaus Bürgle aufgewachsen bin.

Was die Bewertung des Optimismus angeht, unterliegt allerdings nicht nur der Kollege, der uns so grob kritisiert hat, einem beliebten Missverständnis. Wir (soll heißen, meine Kollegen und ich) gehören nicht zu den Technik-Optimismten, die stumpf an an die Allmacht des wissenschaftlichen Fortschritts glauben. Nur weil wir nicht jedesmal dazu schreiben, dass etwas schief gehen könnte, schließen wir diese Möglichkeit nicht kategorisch aus ( für die Freunde doppelter Verneinung: Das war jetzt keine positive Aussage!). Der wesentliche Punkt ist aber, dass wir davon ausgehen, dass die Welt nicht notwendigerweise so sein muss, wie wir sie vorfinden.

Unter anderem deswegen finde ich Ideen wie die der DNA-Hacker tatsächlich cool: Die machen da ganz ernsthaft so was wie Cut-and-Paste-Biologie. Ohne den ganzen Programmcode verstanden zu haben, schieben sie einfach Blöcke ein, von denen sie glauben, dass die was sinnvolles machen. Das mag man unverantwortlich finden – darüber ernsthaft zu diskutieren, wäre (hey, da ist ja schon wieder ein Konjunktiv) auch mal eine spannende Sache – aber spannend ist es auf jeden Fall.

Und was die Sache mit der Wissenschaftlichkeit angeht, dazu fällt mir immer diese kleine Geschichte ein: Als Student habe ich unter anderem an der Zeitung unseres Fachschaftsrates mitgearbeitet. Eines Tages kam, während einer Vorlesung in theoretischer Physik, ein Kommilitone auf die Idee, die Familie der dort reichlich und gern verwendeten Quantoren – so eine Art mathematischer Steno-Zeichen für feststehende Floskeln, wie "es existiert" oder "für all" – zu erweitern: "Was wäre denn", fragte er, "wenn es nicht nur einen logischen Ausdruck für wahr und falsch gäbe sondern auch einen für vielleicht?" Wir haben die Theorie in einem Beitrag für die Fachschaftszeitschrift aufgegriffen und das zugehörige Symbol "Kann sein, muss aber nicht" genannt. Fanden wir damals eminent lustig. Als ich die Geschichte viele Jahre später einem Kollegen bei der c't erzählte, sah der mich todernst an und sagte: "Und, wo ist der Gag? Solche Konstruktionen werden doch in der Fuzzy Logic die ganze Zeit verwendet". (wst)