Wie grĂĽn ist Sonnenstrom wirklich?
Während bei erneuerbaren Energieformen wie Windkraft oder Biosprit durchaus auch über die negativen Auswirkungen diskutiert wird, hält sich die Solarbranche mit Selbstkritik zurück - noch.
Damit aus Sonnenstrahlen Strom wird, ist eine ganze Menge Technik notwendig. Die Solarmodule, die die in den letzten Jahren massiv boomende Branche produziert, werden allerdings mit Verfahren hergestellt, die denen der Chip- und Elektronikbranche ähneln. Besonders sauber sind die nicht: Es können beispielsweise Schwermetalle anfallen. Eine Untersuchung der amerikanischen "Silicon Valley Toxics Coalition" (SVTC), die sich für eine grünere High-Tech-Branche einsetzt und etwa Computerkonzernen wie Apple auf die Finger sieht, kam nun kürzlich zu dem Ergebnis, dass die "Kosten für unsere Umwelt und die Gesundheit der Menschen" in der Solarbranche offenbar noch zu wenig ernst genommen werden.
Die Branche setze auf toxische Stoffe in der Produktion, die zum Teil noch gar nicht erforscht seien. AuĂźerdem sorgten veraltete Solarmodule nach einer Lebensdauer von bis zu 20 Jahren schlieĂźlich fĂĽr ein altbekanntes Problem: Den so genannten "E-Waste", Elektronikschrott. Hier fehle es noch an geeigneten Recycling-Konzepten, so die SVTC. "Da droht eine riesige Welle", heiĂźt es in der Studie.
Die Verfasser, zu denen unter anderem Forscher und Studenten der University of California, Berkeley, Hochschule und der Stanford University zählen, fordern die Branche deshalb auf, die Chance zu nutzen, wirklich "sauber und grün" zu werden. "Der Solarzellen-Markt wächst noch. Die Branche hat die Herausforderung angenommen, die Energie- und Umweltprobleme der Menschheit zu bewältigen." Dies biete jetzt die einmalige Chance, auch anderen innovativen "grünen" Branchen Vorbild zu sein. "Derzeit wird dem aber nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet", so die SVTC.
Bei Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace sieht man das ganze Problem etwas lockerer. Andre Böhling, Experte für erneuerbare Energien bei den Hamburger Ökoaktivisten, wollte im Gespräch zwar nicht wegdiskutieren, dass man sich beizeiten um funktionierende Recycling-Systeme kümmern müsse und bei der Photovoltaikherstellung stets auf die Umweltauswirkungen zu achten sei: "Die Branche muss aufpassen, dass ihr das Thema nicht auf die Füße fällt, da sind die Leute schließlich in diesem Bereich besonders sensibel." Doch was grundsätzlich zu bedenken sei, so Böhling, bleibe stets die Gesamtumweltbilanz. Und die verlaufe selbst bei den neueren Cadmium-Tellurit-Dünnschichtzellen, die in Herstellung und Recycling problematischer sind als Module aus Silizium, grundsätzlich positiv. "Ein Kohlekraftwerk ist um ein Vielfaches schmutziger, bei den Schadstoffen, bei den Schwermetallen." Das sei alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit.
Und trotzdem: Ich halte die Argumente der SVTC für durchaus erwägenswert. Schließlich wird ja auch bei anderen erneuerbaren Energieformen wie der Windkraft und dem Biosprit, die mit Vorwürfen wie Landschaftsverschandelung oder Flächenverbrauch zu kämpfen haben, intensiv diskutiert. Hersteller wie der US-Anbieter First Solar haben bereits Rücknahmesysteme entwickelt. Nun wäre es auch noch sinnvoll, wenn auf jeder Zelle stünde, dass sie möglichst umweltfreundlich hergestellt wurde. Soviel ist sich die Branche schuldig. (wst)