Killt die Krise den Klimaschutz?
Die Welt droht in eine tiefe Depression zu rutschen. Dies könnte den Klimaschutz zurückwerfen, allen grünen Konjunkturunterstützungsplänen und sinkenden Kohlendioxidemissionen durch kollabierende Industrieproduktionen und Firmenpleiten zum Trotz.
- Martin Kölling
Ich kann's nicht mehr hören: Eine Krise sei immer auch eine Chance, blubbert es aus den Mündern deutscher wie asiatischer Unternehmer und Politiker. Immer wieder gerne angeführt wird auch das chinesische Schriftzeichen für Krise, das sich aus den Schriftzeichen Gefahr und Gelegenheit zusammensetzt. Marktgläubige wiederum versprechen reinigende Wirkungen durch die blutige ökonomische Kasteiung. Und mein optimistischer Einflüsterer im linken und selbst mein zynischer im rechten Ohr wollen ihnen sogar recht geben, beim Thema Klimaschutz zum Beispiel.
Der Zyniker freut sich, dass durch die Wirtschaftskrise der Kohlendioxidausstoß drastisch sinken wird. Hm, bestimmt, wie ich mühelos am Beispiel Japans nachvollziehen kann. Das Land könnte sogar seine im Kyoto-Protokoll versprochenen CO2-Senkungsziele einhalten, die es bisher so spektakulär zu verfehlen drohte. Denn die von Exporten abhängige zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde droht einer Prognose der Deutschen Bank Japan zufolge um 6,6 Prozent in diesem und um weitere zwei Prozent im Jahr 2010 zu schrumpfen. In Klimaschutz umgerechnet hieße das, dass die Industrieproduktion und damit die Klimagasemissionen der Industrie wahrscheinlich im zweistelligen Prozentbereich absacken werden. Auch viele Privatleute werden auf Deibel komm raus bei Strom, Gas und Autofahrten sparen, weil sie Angst vor Jobverlust haben oder ihre Beschäftigung tatsächlich verlieren.
Der Optimist in mir wiederum betont, dass nun sogar die USA einen Teil ihres enormen Konjunkturprogramms nutzen wollen, um die Wirtschaft in einem "Green New Deal" klimaschonender auszurichten. Südkorea und andere Länder formulieren ähnliche Ideen. Außerdem fragt der Schönseher rhetorisch: Hat nicht die erste Ölkrise die Kreativität zum Beispiel der japanischen Unternehmen in Sachen Energiesparen derart angefacht, dass die Industrie bis heute zur energieeffizientesten der Welt gehört? Und sagen nicht gerade Unternehmen in Japan und auch in Deutschland, dass sie an allem sparen werden, nicht aber an der Entwicklung umweltfreundlicher Techniken, weil sie darin einen der wenigen Wachstumsmärkte wittern?
Und? So what? Ich glaube meinen beiden Geistern nicht, dass dieser Einbruch der Weltwirtschaft eine Chance für den Klimaschutz bietet. Vielmehr wird er ihn deutlich bremsen. Denn sollten sich die düsteren Konjunkturprognosen bewahrheiten, also die Wirtschaft der Industrieländer noch bis ins nächste Jahr hinein schrumpfen und danach nur langsam wieder wachsen, dürften massive Umweltschutzinvestitionen auf der Prioritätenliste der Staaten nach hinten rutschen. Die erste Gelegenheit zum Test dieser These kommt Ende des Jahres in Kopenhagen, wenn die Weltgemeinschaft sich auf ein neues Klimaschutzabkommen einigen will. "Es wird eng", sagte mir der lettische Ministerpräsident Ivars Godmanis vorigen Monat hier in Tokio. "Umweltschutz kostet erst einmal Geld", sagte er, "und das ist jetzt in der Krise knapp". Lettlands Wirtschaft beispielsweise droht dieses Jahr um zehn Prozent zu schrumpfen.
Das heißt für Staaten und Unternehmen, dass sie bei Ausgaben weniger Sowohl-als-auch- und dafür mehr Entweder-oder-Entscheidungen treffen müssen. Und in diesem Prozess werden die Player sich zuerst um kurzfristige Überlebensmaßnahmen wie die soziale Absicherung ihrer Bürger, die Sicherung der Finanzsysteme und strategisch wichtiger Unternehmen sowie konventionelle Infrastrukturmaßnahmen mit jeder Menge Stahl und Beton kümmern. Erst dann kommt das langfristige Überleben, sprich der Umbau des Wirtschaftssystems. Die Masse der Unternehmen wiederum muss in Windeseile an allen Ecken und Enden sparen, Produktionskapazitäten runterfahren, Abteilungen schließen, Personal entlassen und Managementprozesse beschleunigen, um den Crash überhaupt zu überleben. Außerdem werden auch viele gute Firmen, selbst im Umweltschutzbereich, Pleite gehen und mit ihnen auch Know-how vom Markt verschwinden. Weniger Geld und weniger Träger von Innovation werden zu langsameren technischem Fortschritt führen wie Kollege Niels Boeing kürzlich auch am Beispiel der Nanotechnologie durchspielte.
Auch nach dem Ende der Krise werden die Staaten knapper bei Kasse sein als in den vergangenen Boomjahren, weil die Weltwirtschaft wahrscheinlich nur sanft wachsen wird. Denn woher soll das Wachstum kommen, fragte kürzlich der Kolumnist der Financial Times, Martin Wolf. "Von den überschuldeten westlichen Verbrauchern? Kaum. Von den Verbrauchern in den Schwellenländern? Unwahrscheinlich. Von Staatsausgaben? Bis zu einem gewissen Punkt. Aber die sehen immer noch zu schwach und zu unausgewogen aus, viel kommt aus den USA. China hilft, aber die Eurozone und Japan erscheinen gelähmt, während die meisten aufstrebenden Volkswirtschaften kein aggressives Handeln riskieren können."
Einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass die Krise dennoch den Abschied von der ölbasierten Wirtschaft fördern könnte, äußerte gestern Yasuyo Yamazaki, der erste Präsident der Vermögensverwaltung der US-Bank Goldman Sachs in Japan und nun Chef der hoch ambitionierten Lobbygruppe "Sonnenbasierte Wirtschaft", die Japan zur weltweit führenden Elektroauto- und Solarmacht ausbauen will. Die Schlüsselfrage ist für ihn, wie China und Indien ihre massiven Infrastrukturprogramme angehen werden. "Der Ausgang hängt davon ab, ob sie die Fördermaßnahmen der ölbasierten Wirtschaft im 20. Jahrhunderts fortsetzen oder nicht." Die Notwendigkeit zur Förderung alternativer Energie besteht theoretisch, um den Wohlstandshunger der Milliardenvölker zu befriedigen, ohne die ökologischen Grundlagen vollends zu zerstören, ergänzt Professor Kiyoshi Kurokawa, ehemaliger Wissenschaftsberater der japanischen Regierung und nun eines der bekanntesten Sprachrohre der Lobbygruppe. "Aber es ist schwer politisch durchzusetzen", weiß auch er.
Damit verschiebt sich das Problem wieder ins Politische, in das Gebiet der Machtspiele und des Bewusstseins – und das lässt meine Hoffnung auf mögliche segensreichen Nebenwirkungen der Krise ungeachtet der kritischen Geldfrage weiter schwinden. Denn ich denke nicht, dass diese Krise das ökologische Bewusstsein schärft. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass Krisen Lehrstunden sind, stellt die jetzige Wirtschaftskrise der Menschheit eine andere Aufgabe als die ähnlich rabiate Ölkrise Anfang der Siebzigerjahre. Damals hieß es Energiesparen. Und einige Nationen wie Deutschland und Japan haben dabei Fortschritte erzielt. Aber das jetzige Unheil ist wirtschaftlich-kapitalistischer und nicht ökologischer Natur. Am Ende wird für viele Menschen vielleicht der Kapitalismus an Reiz verlieren und Unternehmen werden noch effizienter und flexibler aufgestellt sein. Aber die Denkmuster werden nicht grüner. Keine guten Bedingungen für einen beschleunigten grünen Umbau des Systems, befürchte ich. Ergo: Die Krise bremst den Klimaschutz in den kommenden Jahren. (wst)