Schleichendes Misstrauen

Was mich wirklich ernsthaft stört, ist, dass sogar bei Wissenschaftlern die Präsentation immer glatter und geschlossener wird. Frei nach dem Motto: Zweifel? Offene Fragen? Probleme? Kennen wir nicht und haben wir nicht.

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Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Egal ob auf Plakatwänden, Monitoren oder Magazinseiten: Alles wird immer schöner, bunter und glänzender. Die Frauen sind noch schlanker und vollbusiger, die Sonnenuntergänge leuchtender, das Meer noch blauer als blau und die Autos sehen glatter, glänzender und irgendwie schneller und kraftvoller aus, als alles, was was draußen auf der Straße jemals gesehen hat. Bildbearbeitung macht's möglich: Der Realität bleibt nur noch die Statistenrolle einer Vorlage zur Inspiration des Kreativen. Hässliche Details werden da offenbar immer öfter wegretuschiert – neulich bin ich ja fast hinten übergefallen als ich einen schnieken, jungen Designer hab' sagen hören: "Und wenn da im Hintergrund ein Staubsauger steht, dann retuschieren wir den raus. Das interessiert doch den Leser überhaupt nicht, und es sieht einfach nicht gut aus." Der Trend, setzt sich nun anscheinend auch in der Wissenschaft durch.

Nicht was Sie jetzt denken. Ich spreche nicht von Fälschungen, oder den üblichen, beschönigenden Sprachregelungen – wenn ein Forscher "typische Daten" präsentiert, können Sie sicher sein, dass das die beste Messreihe ist, die er hat. Ich spreche von Hochglanz-Marketing in der Forschung. Das ist mir besonders unangenehm auf der diesjährigen CeBIT aufgefallen.

Traditionell zieht es mich bei dieser Veranstaltung in die Forschungs-Halle. Da erwarte ich spannende Ideen, abgefahrene Prototypen und Leute, die ein bisschen weiter denken als bis zur nächsten Hauptversammlung. Und ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, auch bei dieser Veranstaltungen in Sacko und Hemd aufzulaufen, um nicht am "unwichtiges-Gesocks"-Filter hängen zu bleiben. Was mich aber wirklich ernsthaft stört, ist, dass auch bei Wissenschaftlern die Präsentation immer glatter und geschlossener wird. Frei nach dem Motto: Zweifel? Offene Fragen? Probleme? Kennen wir nicht und haben wir nicht. Dann gelegentlich die erstaunte, leicht paranoide Abwehrhaltung: "Warum interessiert Sie das eigentlich alles so genau? Wozu wollen Sie das wissen?" Unterschwellig wird da gerne mal signalisiert: "Im übrigen möchten wir Sie höflichst bitten, hier nicht den Betrieb aufzuhalten".

Ich kann ja verstehen, dass es immer schwieriger wird, an Forschungsgelder heranzukommen. Aber diese Überverkaufe ist total kontraproduktiv. Sie macht misstrauisch – und nichts kann für das Verhältnis von Forschung und Öffentlichkeit tödlicher sein als Misstrauen. "Hätte ich widerstanden, hätte es für die Wissenschaft vielleicht so etwas geben können, wie einen hippokratischen Eid", lässt Brecht den Galileio Galilei in seinem Stück "Das Leben des Galilei" zu seinem ehemaligen Schüler sagen. "Was wir jetzt erwarten können, ist bestenfalls eine Generation erfinderischer Zwerge". (wst)