History visually repeating
Auch wenn sie es noch immer nicht hören mag: Der Filmindustrie drohen die gleichen Schmerzen wie der Musikbranche, wenn sie nicht bald damit beginnt, ihre Kunden im Internet ernst zu nehmen.
Es ist schon erstaunlich, mit welchen Projekten sich Hollywood-nahe Wissenschaftler beschäftigen. Kürzlich schlug ein Forscher vor, Filme doch pro Kino mit speziellen Audio-Wasserzeichen auszustatten, aus denen sich per Triangulation schließen lässt, auf welchem Sitz ein Raubkopierer, der Filme per Kamera mitschneidet und dann ins Internet stellt, sein schändliches Werk tat. Kombiniert mit einer Zwangsregistrierung an der Kinokasse wäre es so möglich, so Ryuki Tachibana von IBM, den Kriminellen schnell zu identifizieren.
Derlei verrückte Ideen gegen die durchaus sehr reale Online-Kopierepidemie zeigen, womit sich die Filmbranche derzeit noch immer beschäftigt: Mit dem Kampf gegen ihre eigenen Fans – statt wie die Musikindustrie stärker auf die Kunden einzugehen und ihnen den legalen Online-Einkauf zu erleichtern.
Noch reagiert Hollywood nur träge. Das liegt vermutlich daran, dass sich auch in den letzten Jahren des Breitband-Booms DVDs weiterhin gut verkauft haben und auch der Gang ins Kino noch immer für viele Menschen zum regelmäßigen entspannenden Ritual gehört, für das man gerne ein paar Euros hinblättert. Doch spätestens in der Wirtschaftskrise, wenn niemand mehr unnötiges Geld ausgeben will, wird die Zahl der Raubkopierer weiter zunehmen und das Angebot in den Tauschbörsen stark wachsen.
Dem kann die Branche nur begegnen, indem sie kundenfreundlicher wird und dafür sorgt, dass die verbliebenen Ehrlichen nicht die Dummen sind. Weg mit dem Kopierschutz, der das Original qualitativ schlechter als die Kopie stellt (die lässt sich auch noch in zehn Jahren abspielen, wenn die DRM-Server der dann toten Hollywood-Studios längst abgeschaltet sind!). Weg mit den idiotischen geografischen Restriktionen für Inhalte, die dafür sorgen, dass man einen Film, der in den USA längst online abgesetzt wird, hier zu Lande einfach nicht kaufen darf (dank Internet kennen inzwischen ein weltweites Publikum die neuesten US-Streifen und TV-Serien und es will sie haben!).
Ich bin mir sicher, dass es höchstens noch ein, zwei Jahre dauern wird, bis die Studiobosse auf diesen Trichter gelangt sind. Die bis dahin zu erduldenden Schmerzen in Sachen Umsatzrückgänge hätten sie sich aber sparen können, wenn sie sich den Niedergang der Musikindustrie genauer betrachtet hätten. Die musste auch erst abstürzen, bevor die Top 4-Plattenfirmen endlich bereit waren, ihre gesamten Inhalte kopierschutzfrei zur Verfügung zu stellen und die Kunden endlich nicht mehr mit Rechtemanagement zu nerven.
Übrigens gilt das gerade Gesagte auch für die Buchbranche, die gerade mit langsam endlich gut funktionierenden E-Book-Readern konfrontiert wird. Auch hier denkt man viel über DRM nach, hat Angst vor den bösen Raubkopierern und will deshalb zunächst seine Nutzerschaft auch kräftig gängeln. Auch hier werden potenzielle Kunden sich verärgert abwenden.
Natürlich ist es verständlich, dass ein Inhalteproduzent sein Gut vor Klau schützen möchte. Da das verlustfreie Kopieren digitaler Daten aber nicht mehr kostet, als einen Mausklick, kann nur überleben, wer der Kundschaft den legalen Einkauf so leicht wie möglich macht. (wst)