BĂĽrokraten mit Visionen
EU? Waren das nicht diese phantasielosen BĂĽrokraten in BrĂĽssel, die den KrĂĽmmungsgrad von Bananen standardisieren? Was passiert eigentlich, wenn die sich Gedanken ĂĽber die Technologie von Morgen machen?
Der Kopf schwirrt mir noch immer: "Out of Body"-Erfahrungen und Körpertausch mit Hilfe virtueller Realität, die Evolution von Kultur in Kolonien kollektiver Roboter, Quantenteleportation über 150 Kilometer, ein Orchester, das seine Instrumente mit Hilfe von Hirnwellen spielt – das ist nur ein kleiner Ausschnitt an Ideen, die vergangene Woche in Prag diskutiert und demonstriert worden sind.
Das lustigste daran ist – man sollte es kaum glauben – die Tagung FET09 ist von der EU organisiert und finanziert worden. EU? Waren das nicht diese phantasielosen Bürokraten in Brüssel, die sogar den Krümmungsgrad von Bananen standardisieren? Genau die. Die finanzieren seit zwanzig Jahren auch ein Forschungsprogramm zur Förderung von sehr weitreichender Grundlagenforschung – den "Future und Emerging Technologies" – in Computer- und Kommunikationtechnologie. Die Hoffnung, dass dabei technologische "game changer" entstehen ist vage, aber nicht unberechtigt. Im Bereich der Quantenkryptografie beispielsweise, den viele vor 20 Jahren noch für Science Fiction gehalten haben, ist Europa führend. Und um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, das man nicht nach Kalifornien fliegen muss, um ein paar wirklich abgefahrene Leute mit coolen Ideen zu treffen, haben die EU-Planer nun diese Tagung organisiert.
Das FET-Programm soll übrigens massiv ausgebaut werden. Jedenfalls nach Maßstäben der EU: Wir reden hier über einen Ausbau von 100 auf 170 Millionen Euro pro Jahr bis 2013. Pekuniäre Erdnüsse, Kleingeld verglichen mit den fünf Milliarden, die der deutsche Staat der notleidenden Autoindustrie in die Venen jagt, damit sie aufhört, so heftig zu zittern. Natürlich sind 170 Millionen eigentlich lächerlich, wenn man diese Summe mit dem vergleicht, was beispielsweise China oder die USA in "high risk science" investieren. Spannend und für mich neu ist aber, dass Geld auf dem Gebiet der hochspekulativen, transdisziplinären Forschung gar nicht mal das Hauptproblem ist. Vielmehr fehlen auf unserem Kontinent die viel beschworenen, jungen, hungrigen Wölfe, die sich begierig auf solche Projekte stürzen.
Das hat mehrere Gründe – unter anderem ist sich die wissenschaftliche Community offenbar durchaus der Tatsache bewusst, dass es für junge Wissenschaftler viel einfacher und – im Sinne der eigenen Karriere – erfolgversprechender ist, inkrementelle Kleinigkeiten zu etablierten Forschungsgebieten beizutragen als etwas völlig neues anzufangen.
Und dann versuche ich mal das Anforderungsprofil für innovative Wissenschaftler mit der Studienrealität in Deutschland abzugleichen: Bis ins Detail verschulte und vollgestopfte Studiengänge, in denen die Studierenden nicht nur verpflichtet sind, in jeder Vorlesung anwesend zu sein – obwohl es vielleicht bessere Bücher zu dem Thema gibt, als das, was der Professor da mehr oder weniger lustlos abreißt. Dazu kommt noch die Verpflichtung, in jedem Semester mehrere Prüfungen abzulegen.
Unterschiedliche Lerntypen und Geschwindigkeiten sind da offenbar nicht vorgesehen. Ich glaube, es war im Vorwort zu einem Lehrbuch der Experimentalphysik, wo ich den denkwürdigen Satz gelesen habe: "Das ist so, als ob man eine Katze zwingen würde, eine Woche lang nur zu fressen, um dann auf Kommando eine Stunde lang das Gegenteil zu tun." Wenn die Einschätzung wirklich stimmt, dass Wissen und Forschung unser Rohstoff für das 21. Jahrhundert sind, wird mir Angst und Bange. Aber Prag hat mich ein kleines bisschen optimistischer werden lassen. (wst)