Das Gespenst in der Maschine

Politikberatung als Simcity Clone: Mittlerweile setzen Sozialwissenschaftler und Ökonomen auf Multi-Agenten-Simulationen, um ihre wirtschaftlichen und ökonomischen Prognosen abzusichern. Macht uns das schlauer?

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21 Uhr 34 und dieser Text ist immer noch nicht fertig: Stimmt schon, in meinem privaten Mikrokosmos herrscht durchaus so etwas wie Informationsökonomie – wobei der Ausdruck "Herrschaft" in diesem Fall tatsächlich wörtlich zu nehmen ist. Aber anlässlich des Kampftages der werktätigen Massen ist aber – wenn ich mal von meiner individuellen Situation abstrahieren darf – wieder ziemlich deutlich geworden, dass die Idee von der "Wissensgesellschaft" gepflegter Humbug war: Was die Menschen derzeit bewegt sind altmodische industrielle Arbeitsplätze an denen anscheinend doch immer noch ganz schön viel dran hängt, auch in der postindustriellen Dienstleistungsökonomie.

Warum das an dieser Stelle relevant ist? Weil wir daraus lernen können, wie sehr wir dazu neigen, genau die Datenpunkte zu sehen, die den Trend bestätigen, den wir eh schon für richtig und wichtig halten. Im Zeitalter des aufkommenden Internet war das die globale Vernetzung der weltweite, lichtschnelle Austausch von Informationen und die Abkopplung von der tatsächlichen, physikalischen Produktion von Gütern. Jetzt haben wir die Krise, und da stellt sich raus, dass der entstofflichte Informationsfluss doch nicht der Dreh- und Angelpunkt der Welt ist.

Was für ein Glück, dass auch hier der Computer dem kurzichtigen Menschen helfen kann – immer vorausgesetzt, man füttert den großen, summenden Gott mit der richtigen Software: Mittlerweile setzen die Sozialwissenschaftler und Ökonomen auf Multi-Agenten-Simulationen, um ihre wirtschaftlichen und ökonomischen Prognosen abzusichern – die EU beispielsweise arbeitet mit EURACE an der größten Multi-Agenten-Simulation weltweit. Gepriesen sei der Fortschritt: Man braucht keine allgemeingültige Gesellschaftstheorie mehr einzufüttern in sein Modell, sondern nur noch zuzuschauen, wie die virtuelle Gesellschaft sich entwickelt. Das ist echte Instant-Erkenntnis, sozusagen der Geist in der Maschine – an der Stelle bekommt der Spruch von Marx mit dem "Gespenst", das "umgeht in Europa" eine völlig neue Bedeutung.

Aber apropos Marx: Mich würde ja interessieren, ob die auch revoltieren können, diese virtuellen Agenten. In der Zeitung steht ja jetzt viel über soziale Unruhen. Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? Schließen die sich zusammen? Und bilden Parteien? Oder Räte? Oder handelt nur jeder, wie es jetzt und hier üblich ist: Zur Maximierung seines Eigennutzes? Wer weiß, vielleicht verändert die Informatik die Gesellschaft ja doch noch. (wst)