Geburtsfehler

So ziemlich die komplette Öko-Bewegung leidet an diesem Geburtsfehler: einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Technik. Technikbegeisterung, Fortschrittsoptimismus - das war schon immer ein Kennzeichen der "anderen Seite".

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Eigentlich war ich ja strikt dagegen, das Thema Offshore-Wind auf das Cover der aktuellen Ausgabe (seit heute am Kiosk oder online zu bestellen) zu nehmen. Nicht nur, dass wir das Thema in Deutschland seit über zehn Jahren diskutieren – in meinem tiefsten Inneren war ich auch skeptisch, was den Sinn der Idee angeht: Lohnt sich das wirklich, 40 Kilometer auf See zu gehen, um Windstrom zu ernten? Ist nicht der Aufwand, sind nicht die technischen Probleme viel zu groß? Wäre es nicht viel einfacher, entsprechend große Anlagen mit mehr als 100 Meter Höhe an Land zu errichten?

Nach diversen Diskussionen ist mir klar geworden, dass ich gedanklich mal wieder in eine altbekannte Sackgasse gelaufen bin. So ziemlich die komplette Öko-Bewegung leidet an diesem Geburtsfehler: Einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Technik. Technikbegeisterung, Fortschrittsoptimismus – das war schon immer ein Kennzeichen der "anderen Seite". Wir denken lieber mal eine Runde darüber nach, was es für Probleme geben könnte.

Blöd ist nur, dass die Amerikaner mit Obama offenbar auch die Farbe grün entdeckt haben. Kaum haben deutsche Politiker aller Fraktionen gelernt, den Umweltschutz zu lieben, weil er ja so viele Arbeitsplätze bringt, das ist auch schon wieder Schluss mit der Idylle. Denn wenn die USA in diesem Tempo die Windkrafnutzung weiter ausbauen, laufen uns die Amerikaner innerhalb kürzester Zeit den Rang ab. Was nicht nur damit zusammen hängt, dass die da drüben einfach sehr viel Platz haben in ihrem "Gods own country", sondern auch mit einer Hemdsärmeligkeit und einem zupackenden Zukunftsoptimismus gesegnet sind, der da offenbar einfach zur genetischen Grundausstattung gehört.

Warum also Offshore-Wind nicht einfach mal als spannendes, technisches Projekt ansehen, das faszinierende Herausforderungen bietet? Die Atomlobby hat in den 50er und 60er Jahren alles versucht, um der Bevölkerung eine strahlende Zukunft auszumalen: Frieden, Reichtum und grenzenlose Energie für Alle – gewissermaßen die zeitgemäße Variante von "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit". Da kann man doch von lernen, oder? Man muss die Sachen nur richtig darstellen: Auf Alpha Ventus rocken die mal eben 60 Megawatt in den Schlick. Gegen den Wind, gegen das Salzwasser und Ebbe und Flut. Das ist eigentlich ziemlich cool. Jedenfalls besser, als zu jammern, dass die Politik das mit den Klimazielen nicht in den Griff kriegen wird. (wst)