Vom Sterben der Schalter
An irgendeiner Stelle ist die technische Entwicklung in die falsche Richtung abgebogen - mit dem Aufkommen der Fernbedienung ist der simple Schalter am Gerät überflüssig geworden.
Es gibt Momente, die haben etwas zen-mäßiges – eine plötzliche Erkenntnis, die einen ganz unvermittelt anspringt. Neulich war wieder so einer: Meine Mutter rief mich an, um zu klagen, dass ihr Fernsehgerät den Geist aufgegeben hätte. Im weiteren Verlauf des Beratungsgesprächs stellte sich heraus, dass das Problem eigentlich die Fernbedienung des Gerätes war – irgendeine innere Verletzung ließ die Steuereinheit gewissermaßen zum Vampir werden, der Batterien innerhalb kürzester Zeit aussaugt. Leider fehlen den Fernsehern mittlerweile die Knöpfe, mit denen man diese Apparate früher noch von Hand bedienen konnte. Also blieb der Fernseher an diesem Abend stumm – ich zog also los, um eine dieser neumodischen Universal-Fernbedienungen zu kaufen.
In den Space Operas, die ich früher recht gerne gelesen habe, gab es immer wieder diese dramatischen Momente, in denen der Held in höchster Not auf den sprichwörtlichen Handbetrieb umschaltet – um ein Schott, eine Tür oder notfalls das Triebwerk durch das Umlegen eines mechanischen Hebels in letzter Sekunde doch noch zu bewegen. Während ich im Fersehsessel saß und versonnen auf den dunklen Schirm starrte, dachte ich darüber nach, ob wir diese Variante der Zukunft wirklich erleben werden. Im Moment sieht es so aus, als ob das nicht der Fall sein wird. An irgendeiner Stelle ist die technische Entwicklung in die falsche Richtung abgebogen – mit dem Aufkommen der Fernbedienung ist der Schalter überflüssig geworden.
Was beim heimischen TV begann, hat sich allgemein durchgesetzt: Der Knopf, der simple, elektromechanische Schalter, ist durch komplizierte Agglomerationen aus Hard- und Software verdrängt worden – der neuste Schrei sind Fernbedienungen, die sich nur noch am PC konfigurieren lassen. Diese Technologie ist auf den ersten Blick viel mächtiger als früher, weil universell. Aber wenn sie versagt, versagt sie komplett – erinnert mich an die Geschichte, als ich mal die TAN-Liste meines Kontos verlegt hatte: Um eine neue Liste zu bestellen, was online ohne weiteres möglich ist, benötigt man eine TAN-Nummer.
Wer auf diese Art denkt, ist offenbar durch lange Programmierarbeit geschult. Techno-Historiker werden diese Epoche in ferner Zukunft daher vielleicht beschreiben als "die Diktatur der Software". Ich bin aber relativ zuversichtlich, dass diese Technologie genauso aussterben wird wie überspezialisierte Dinosaurier. Vielleicht waren die alten SF-Schreiber einfach klüger, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. (wst)