Unschlaue Werbung

Reklame in Print und Fernsehen ist von Natur aus "doof" - schließlich existiert hier kein direkter Rückkanal zum Kunden. Aber warum muss das im Internet genauso sein?

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Es ist ja schon schön, wie umfassend multimedial das Netz in den letzten Jahren geworden ist. Kaum ein Nachrichtenportal kann sich mehr leisten, ohne Videobeiträge, interaktive Animationen oder hochauflösende Bilderschauen auszukommen – die Leute erwarten inzwischen auch online einen gewissen Berieselungsfaktor. Was ich dabei allerdings noch nie verstanden habe: Muss "dumme" Reklame, wie man sie aus rückkanallosen Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen oder Radio kennt, auch im Web so häufig vorkommen?

Ein Beispiel: Wer z.B. auf der aktuellen Seite eines großen deutschen Wochenmagazins Filmbeiträge betrachtet, muss häufig vor jedem gottverdammten Clip den gleichen Werbespot sehen. Variation gleich null. Machte z.B. die eventuell sogar recht kreative aktuelle Reklame eines deutschen Fahrzeugherstellers beim ersten, vielleicht auch noch beim zweiten oder beim dritten Mal Laune, fängt sie beim vierten, fünften oder auch zehnten Mal an, mächtig zu nerven. Dabei war ich die ideale Zielgruppe, ich interessierte mich sogar für das Auto! No more...

Man könnte meinen, die ständige Wiederholung von Werbespots läge vielleicht daran, dass Online-Medien einfach nicht genügend Reklameplätze verkauft bekommen, schließlich ist Internet-Videowerbung noch sehr jung. Doch weit gefehlt: Große Portale haben inzwischen durchaus ein gutes Dutzend verschiedener Werbekunden zur Auswahl. Warum, oh heiliger Berners-Lee, ist es da nicht möglich, einfach ein klitzekleines Cookie zu schreiben, dass ich diesen oder jenen Spot bereits zwei Dutzend Mal vorgesetzt bekam? Einige Online-Unternehmen sind doch z.B. gerade dabei, so genannte interessensbasierte Reklame zu etablieren, die auf den Wünschen des Nutzers basiert. Da hätte ich mal ein Interesse: Zeigt mir was Neues!

Zur Unintelligenz aktueller Online-Werbung zählt auch, dass es z.B. fast unmöglich ist, interessante Angebote wiederzufinden. Ein Beispiel: Ich sehe beim Herumklicken auf einer Zeitungsseite einen Banner, der mir im Nachhinein zusagt, habe aber schon weitergeklickt. Gehe ich mit meinem Browser zurück, taucht gleich das Gegenteil meines obigen Videohorrors auf: Zu viel Werbeabwechslung! Ich kann dann ein Angebot noch so häufig mit "Reload" zum neuerlichen Banneraufbau bringen, der gewünschte taucht garantiert nicht mehr auf. Dass großen Portalen noch nicht eingefallen ist, einfach mal eine Seite zu erstellen, auf der alle aktuellen und früheren Reklamekunden samt Links verzeichnet sind (sowas nannte sich einst in Zeitschriften "Werberegister"), ist mir seit Jahren ein Rätsel.

Natürlich gibt es auch die unheimlichere Variante – dann nämlich, wenn Online-Werbung zu sehr in die Privatsphäre eindringt. Dass Google immer noch automatisch alle Gmail-Botschaften liest (ja, es ist ein Roboter, aber trotzdem!), um passende Textreklame einzublenden, wird mir nie gefallen. Vielleicht einigen wir uns einfach auf einen Mittelweg? (wst)