GemĂĽse aus dem Hochregal
Japan pusht die Entwicklung von Hightech-Beeten für den Gartenbau in geschlossenen Räumen. Kunden aus Asien interessieren sich offenbar bereits brennend für die ortsnahe Produktion in hochverdichteten Ballungszentren.
- Martin Kölling
Vorige Woche hatte sich Nippons mächtiges Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) mal wieder eine ganz besonders grüne Aktion ausgedacht: Im Foyer des Planungsamts der Japan AG stellten die Ministeriellen ein zwölf Quadratmeter großes Hightech-Gemüsebeet auf, das ganzjährige Ernten in geschlossenen Räumen erlaubt. Das von Espec Mic entwickelte System kontrolliert die Lichtmenge über Leuchtdioden, und regelt die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und den Kohlendioxid-Gehalt der Luft.
Mit dieser Produktschau will das Ministerium die Verbreitung von Innenraumgewächshäusern fördern. Denn in den Augen der Beamten könnten diese Grünanlagen ein interessantes Heilmittel für die Myriaden an kleinen Geschäften und Betrieben in Japans Metropolen sein, die wegen der Krise und der Expansion großer Kaufhausketten in Massen sterben. Gleichzeitig ließe sich durch den Gartenbau in hochverdichteten Ballungsräumen die gefährlich niedrige Selbstversorgungsrate Japans ein klein bisschen verbessern. Zur Sorge japanischer Sicherheitsexperten muss das Inselreich nämlich rund 60 Prozent seines Kalorienbedarfs importieren.
Wie die Rettung aussehen kann, demonstriert der 37-jährige Unternehmer Shigeharu Shimamura in der Stadt Matsudo vor den Toren Tokios. Seit 2006 zieht, erntet und verkauft er mit einer ähnlichen Technik wie Espec Mic in einem Wohnhaus angebautes Gemüse. Die Gewächsräume gleichen einer Intensivstation. Unbefugten ist der Zutritt verboten, Befugten nur mit Kappe, Mundschutz und Kittel.
Für die Geschäftsidee wurde Shimamura 2007 bereits mit dem "Japan Shop System Award" ausgezeichnet. Denn erstens erscheint seine Technik umweltfreundlich, sparen doch die extrem kurzen Transportwege die traditionelle, kohlendioxidträchtige Lieferkette vom Beet bis Kunden inklusive Lagerhaltung vollständig ein. Zweitens kommt das Gemüse wirklich frisch auf den Tisch. Und drittens können die Eigner von Tante-Emma-Läden oder Kleinbetrieben ihre oft leer stehenden Gebäude wieder produktiv nutzen.
Eines der ersten vier Unternehmen, die Shimamuras Technik anwenden, ist der 350 Jahre alte Hersteller von japanischem Papier Ozu. Bei einer Restrukturierung des Unternehmens hatte das Management auf einmal leere Fabrikhallen übrig. Mit der Hilfe Shimamuras wurden die dritte Etage eines Lagerhauses mit Gemüsebeeten in Hochregalen vollgestellt. Auf 500 Quadratmeter baut das Unternehmen seither acht Gemüsesorten an, die unter dem eingetragenen Markennamen "Nihonbashi Yasai" ("Gemüse von der Japan-Brücke") an Restaurants und Hotels verkauft werden. (Das Firmenhauptquartier liegt in der Nähe dieses Bauwerks, das als Nullpunkt für die Kilometerangaben der Fernstraßen bis Tokio dient.)
Das Unternehmen wirbt damit, dass sein Gemüse aus dem Reinraum gesünder als das Naturprodukt sei. Kopfsalat, dem die Nährstoffe computergesteuert zugeführt werden, soll nach Firmenangaben 2,2 Mal soviel Kalium, 3,7 Mal so viel Kalzium, 2,6 Mal so viel Magnesium und 2,5 Mal so viel Vitamin C wie im Freiland angebaute Gewächse enthalten. Die tägliche Ernte beträgt satte 1800 dieser Hochleistungssalatköpfe. Eine ökologische Gesamtkostenrechnung hat bisher noch niemand für diese Idee aufgestellt. Strom ist natürlich teurer als Sonnenlicht. Aber in Asien mit seinen hochverdichteten Megametropolen und den wasserarmen und wüstenreichen Nahen Osten ist das Gemüsebeet für den Hausgebrauch dennoch hochinteressant. Rund 100 Anfragen liegen Shimamura aus diesen Regionen bereits vor. (wst)