Ich, der Joystick

Nintendo hat mit seiner Wii-Konsole gezeigt, wie kreativ sich Videospiele bedienen lassen - und lässt ständig neue Steuergeräte entwickeln. Nun interessiert sich auch Konkurrent Microsoft für die Technik. Ob der Spieler wirklich vom Sofa aufsteht?

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Auf der weltgrößten Spielemesse E3 in Los Angeles haben sowohl Sony als auch Microsoft neue Controller-Techniken vorgestellt, die den Gamer vom Sofa holen sollen. Grund für den neuen Hype ist Nintendos enormer Erfolg mit der technisch eigentlich eher schwachbrüstigen Wii-Konsole: Dank auf Nutzerbewegungen reagierender "Wiimote" und anderer ähnlicher Add-ons hat sich das Gerät zum Familienschlager entwickelt und wurde bis Frühjahr 2009 über 50 Millionen Mal verkauft.

Ich muss zugeben, dass mich all diese neuen Bedienformen nur bedingt begeistern. Natürlich, Microsofts "Project Natal" mit einer neuartige Videokamera, die den Spieler dreidimensional im Raum erfassen kann, macht in der Video-Demonstration schon einiges her. Dabei werden nicht nur X- und Y-Achse einer Person vor der Linse ermittelt, sondern auch Z. So soll man bald Spiele mit seinem ganzen Körper steuern oder mit komplexen Handgesten wie Greifen oder Fingerzeigen operieren, ohne dass es überhaupt noch ein Controller-Gerät bräuchte. Besonders beeindruckend: Die Technik kann auch einzelne Spieler unterscheiden und besitzt eine eingebaute Sprachsteuerung, die sehr Science Fiction-mäßig wirkt.

Die Frage ist allerdings, ob sich das nicht mit dem, was Spielekultur meines Erachtens heute ausmacht, beißt. So schlecht es für meine Gesundheit ist: Wenn ich an der Konsole sitze und gepflegt ein Renn- oder Ballerspiel absolviere, mag ich es, dass sich meine Spielfigur oder mein Fahrzeug nur mit geringsten Bewegungen des Controllers präzise über den großen Bildschirm bewegen lässt. Als erfahrener Gamer ist das ein wenig so wie Gedankenübertragung – man wird eins mit dem auf dem Display zu Sehenden, man bedient das Spiel praktisch blind, die Finger funktionieren automatisch.

Microsoft und Sonys Vorstellung ist es im Sinne des Vorbildes Nintendo nun, dass man künftig seinen Hintern vom Sofa erhebt, sich vor dem Flachbildschirm aufbaut und mit ganzem Körpereinsatz Monster mit Pseudo-Kung-Fu-Schlägen zur Strecke bringt oder mit dem Controller eine Fechtsitzung absolviert. Ein Biofeedback erhält man dabei nicht, es ist wie Schattenboxen. Man wird somit selbst zum virtuellen Joystick, was für außenstehende Beobachter ganz schön albern aussieht.

So hübsch Wii und Co. sich auch für bewegungsreiche Familienabende eignen – meiner Meinung nach müsste die Technik noch deutlich weiter gehen. Wie wäre es beispielsweise in ein paar Jahren mit einer Konsole, die eine echte Gehirnschnittstelle aufweist, womöglich mit sanfter Rückmeldung, wenn man getroffen wird? Die ein wirkliches Eintauchen ins Spiel erlaubt? Dann könnte man seine Gamereien weiter bequem durchführen, ohne sich vom Sofa erheben zu müssen. Man wird doch nochmal träumen dürfen! (wst)