Volkssport Massenhacking

Wenn Menschen, die sich für ähnliche Dinge interessieren, im Internet zusammenarbeiten, kommt viel Spannendes heraus. Das gilt nicht nur für Software, sondern auch für so genannte Lifehacks.

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Neulich wollte ich unbedingt ein ganz bestimmtes Kommunikationsgerät besitzen, das in Deutschland in der gewünschten Form nicht erhältlich war. Die einzig akzeptable Variante wurde in mehreren anderen EU-Ländern angeboten, dort allerdings ohne Versandmöglichkeit in diese unsere Heimat, sondern nur, ganz Old School, vor Ort in so genannten Retail-Geschäften. (Keine Ahnung, warum so etwas nicht gegen europäisches Wettbewerbsrecht verstößt.) Also baldowerte ich einige mögliche Strategien aus – vom Kurztrip per Billigerflieger über den Plan, Freunde beim nächsten Urlaub als Mitbringselmaultiere zu missbrauchen.

Das war mir aber alles ein wenig unsicher. Was wäre zum Beispiel, wenn ich dann tatsächlich vor einem jener Läden im Süden, Westen oder Osten stünde, und das Kommunikationsgerät ist plötzlich ausverkauft? Würde man mir, einem Ausländer, ein telefonisches Zurücklegen ermöglichen? Oder würde man mich erst gar nicht ranlassen, weil der Verkauf eigentlich nur auf Inländer beschränkt sein sollte?

In meiner Verzweiflung wandte ich mich – natürlich – ans Internet. Und siehe da: In einem Forum hatte ein Nutzer ein erstaunliches Lifehack-Experiment erfolgreich durchgezogen. Lifehacks sind kleine Tricks und Veränderungen, die das Leben schöner machen.

In diesem Fall funktionierte das so: Wenn man nämlich im Formular des ausländischen Online-Shops des Kommunikationsgeräteherstellers, das eigentlich nur den Versand in eben jenes Land erlauben sollte, einfach "Germany" samt passender Postleitzahl eintippte, lieferte der Paketverschicker, warum auch immer, doch in Richtung Germanien.

Offensichtlich hatte der Kommunikationsgerätehersteller einen Vertrag mit dem Paketversender geschlossen, der für ganz Europa, Afrika und den Nahen Osten ("EMEA") galt. Da Adressen offensichtlich nicht mehr extra kontrolliert wurden, sondern einfach so zum Versender durchmarschierten (Computer sind was tolles!), funktionierte der Trick.

In dem von mir besuchten Forum entspann sich in den folgenden Stunden ein heißer Dialog. Immer mehr Nutzer mit meinem Problem tauchten auf, die ebenfalls beim Massenhacking des Versanddienstleisters mitmachen wollten. Sie gaben sich Tipps, was man am besten eintragen sollte, was man am besten vermied und posteten Erfolgsmeldungen. Auf Bildern war zu sehen, wie ein Paket mit der Aufschrift beiderlei Länder (Deutschland und das Ausgangsland) doch hier zu Lande aufschlug. Leute bestellten Dutzende der begehrten Kommunikationsgeräte, überboten sich beim Erreichen des Limits ihrer Kreditkarte. Das Risiko dieser 500 bis 700 Euro teuren "Wette" war gering: Sollte der Hersteller doch nicht liefern wollen, würde die Belastung einfach nicht getätigt.

Es ist gut möglich, dass der Kommunikationsgerätehersteller sehr bald auf den Trichter kommt, was da passiert ist und die Sache stoppt. Ich halte den Vorfall trotzdem für ein wunderbares Beispiel, wie kreativ Menschen mit gleichem Ziel im Internet zusammenarbeiten, sich unterstützen, ohne Ansehen der Person.

Als kürzlich die Software eines bestimmten Mobiltelefons im Internet öffentlich wurde, gab es ein ebensolches Massenhacking: Innerhalb kürzester Zeit wurden wichtige Dinge entschlüsselt und erste neue Anwendungen geschrieben. All das lässt sich in Foren verfolgen, die Nutzer entwickeln eine erstaunliche Kreativität in ihrer Gemeinsamkeit. Sowas gab es vor dem Internet höchstens im Hobbykeller. Aber dafür musste man auch passende Freunde haben. (wst)