Ein afrikanisches Agrarwunder?
Zwei neue Berichte der Welternährungsorganisation FAO identifizieren in Afrika ein gigantisches Reservoir an Ackerland. Zu schön, um wahr zu sein.
- Niels Boeing
Bei all den schlechten Nachrichten, die uns wöchentlich erreichen, ist positives Denken harte Arbeit. Jetzt soll ausgerechnet Afrika dabei helfen. Erst wird der nördliche Teil des Kontinents zum Land der unbegrenzten Solarfarmen ausgerufen. Dann wartet die Welternährungsorganisation FAO mit einem Report auf, der im südlich der Sahara gelegenen Teil ein gigantisches Reservoir an Ackerland ausmacht. "Afrika könnte die Welt alleine ernähren", spitzt der New Scientist die gute Nachricht gleich mal zu. Zu schön, um wahr zu sein.
Der FAO-Report "Awakening Africa's Sleeping Giant" kommt zu dem Ergebnis, dass von dem 600 Millionen Hektar großen Savannenstreifen zwischen Guinea und Südafrika insgesamt 400 Millionen als Ackerland genutzt werden könnten. Bislang sind es nur rund 60 Millionen.
Ein zweiter Report von OECD und FAO, der ebenfalls kürzlich erschienen ist, schätzt sogar, dass die weltweite Anbaufläche von derzeit 1,4 Milliarden Hektar mehr als verdoppelt werden könnte. Dabei seien konkurrierende Flächennutzungen durch Städte, Wälder und Naturschutzgebiete bereits abgezogen worden. Über die Hälfte dieser knapp 1,6 Millionen zusätzlichen Hektar würden auf Afrika (ca. 515 Millionen) und Lateinamerika (ca. 460 Millionen) entfallen (S. 55 der "Highlights" des "Agricultural Outlook 2009 - 2018").
Motiviert ist diese Abschätzung durch unangenehme Entwicklungen: So wird laut FAO in diesem Jahr die Zahl der unterernährten und hungernden Menschen erstmals die Milliardengrenze überschreiten (etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung). Und nach anderen FAO-Berechnungen muss der globale landwirtschaftliche Ertrag bis 2030 um 40 Prozent (in den Entwicklungsländern: um 60 Prozent), bis 2050 sogar um 70 Prozent steigen.
Dass die Hunderte Millionen Hektar neues Agrarland, die die FAO ausmacht, tatsächlich nachhaltig und zum Nutzen der lokalen Bevölkerung erschlossen werden können, ist allerdings sehr optimistisch. Dagegen sprechen mehrere andere Faktoren.
Der Druck seitens der Industrieländer, auf wertvollem Ackerland im Süden Energiepflanzen anzubauen, dürfte in den kommenden Jahren kaum nachlassen. Ebenso der Druck, einen erheblichen Teil der Flächen der Viehhaltung für den Fleischhunger in Industrie- und Schwellenländern zu opfern (gegenwärtig beansprucht die Viehhaltung bereits 70 Prozent des weltweiten Ackerlandes).
Unklar ist auch, ob für die potenziellen Anbauflächen in südlichen Breitengraden genug Wasser da sein wird. Zwar weist der erste FAO-Report all die Millionen Hektar in Afrika und Lateinamerika als durch Regen bewässert aus. Der andere Report von OECD und FAO warnt jedoch, dass der Klimawandel das Risiko von Wasserverknappung und Überflutungen "klar" erhöht. Und: "Die FAO geht davon aus, dass sich die Ausweitung [künstlich] bewässerter Gebiete beträchtlich verlangsamt."
Hinzu kommt, dass durch eine intensivierte Landwirtschaft und Umweltveränderungen immer mehr Landfläche "degradiert", also kaum noch wirtschaflich nutzbar, ist. Laut einem älterem FAO-Report von 2006 ("Livestock's Long Shadow") können zwei Drittel des vorhandenen Ackerlands in Afrika als degradiert gelten, in Lateinamerika ist es die Hälfte.
Was fĂĽr Aussichten fĂĽr ein afrikanisches Agrarwunder.
Nächste Woche findet in Italien der diesjährige G8-Gipfel statt. Dort können die reichsten Nationen der Welt gleich ein Milliardenpaket beschließen, um die FAO-Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Denn die Ernährungssicherheit der Welt in den kommenden Jahrzehnten wird ihnen doch sicher so viel wert sein wie die Rettung von Banken und Industrie. Positiv gedacht. (wst)