Raketensommer

Die Logik, die hinter der Ablehnung bemannter Raumfahrt steckt, ist falsch. Wie viele Ressourcen die Menschheit in die Lösung ihrer Probleme steckt, ist eine politische, und keine ökonomische Frage. Geld ist vorhanden, man muss es sich nur nehmen.

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Ja ja, ich kenne das Argument. Niels Boeing hat es in seinem Blog-Eintrag Mission to Earth einmal mehr vorgebracht: Die Menschheit habe wahrhaftig genug Probleme auf der Erde zu lösen – die Pläne für eine neue Mond-Mission seien somit eigentlich überflüssig wie ein Kropf.

Natürlich hat er recht: So lange in reichen Ländern wie den USA im Winter Menschen auf der Straße erfrieren, so lange täglich weltweit Kinder verhungern und die Führungselite dieser Welt Jahre braucht, um sich darauf zu einigen, die Realität des Klimawandels anzuerkennen, um dann fröhlich so weiter zu machen, wie bisher, bleibt wahrhaftig genug zu tun.

Aber die gnadenlose Ökonomie von Buchhalterseelen hat mir schon immer kalte Schauer den Rücken herunter gejagt, und dafür gesorgt, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen. Ich habe Jahrzehnte meines Lebens damit verbracht, wider die Sachzwanglogik zu streiten, und werde nun nicht damit auhören. Denn die Lomborg-Logik, die auch hinter der Ablehnung bemannter Raumfahrt steckt, ist falsch. Wie viele Ressourcen die Menschheit in die Lösung welcher Probleme stecken will, ist letzendlich eine rein politische, und keine ökonomische Frage – Geld ist vorhanden, man muss es sich nur nehmen.

Mitten in der Nacht hat mein Vater mich geweckt, um die ersten Bilder vom Mond im Fernsehen zu sehen – schwarz-weiß, völlig übersteuert und unscharf. Ich kann mich nur noch schemenhaft an das Ereignis selbst erinnern, aber dass ich mich die ganze Zeit gefragt habe, was ich denn da eigentlich sehe auf der Mattscheibe, dass weiß ich noch. Und an das Gefühl, dass da etwas bedeutendes passiert. Weil die zentrale Frage bei diesem Projekt nicht "warum" war, sondern "warum nicht?". Auch wenn es der US-Regierung wahrscheinlich nur darum gegangen ist, die Russen zu blamieren.

"Eben noch war es ein richtiger Ohio-Winter: Die Türen waren geschlossen, die Fenster verriegelt, die Scheiben blind durch Frost, Eiszapfen rahmten jedes Dach ein, Kinder rutschten auf Skiern die Hänge hinab, Hausfrauen bewegten sich schwerfällig wie große schwarze Bären durch die vereisten Straßen.", hat Ray Bradbury in seinen Mars-Chroniken geschrieben. "Doch dann strich eine gewaltige Wärmewelle über die kleine Stadt dahin. Eine Sturzflut heißer Luft; es war, als habe jemand eine Backstubentür aufgestoßen... Raketensommer. Die Leute lehnten sich aus ihren tropfenden Veranden und beobachteten den sich rötenden Himmel. Die Rakete lag auf dem Startfeld und stieß rosa Wolken aus – Wolken von Feuer und Ofenhitze. Die Rakete stand dort im kalten Wintermorgen und ließ es Sommer werden mit jedem Ausatmen ihrer mächtigen Rückstoßrohre. Die Rakete machte das Wetter, und für einen kurzen Augenblick lag der Sommer über dem Land ..."

P.S. In der kommenden Ausgabe 08/2009 – ab Donnerstag am Kiosk oder hier portokostenfrei online zu bestellen – wird TR ausführlich über die Pläne für eine permanente Mondbasis berichten. (wst)