Zitateterror
Einige Nachrichtenagenturen und Medienkonzerne hätten gerne Geld für Links und kurze Quotes im Internet. Dass sie damit ihre eigenen Geschäftsmodelle ruinieren könnten, stört sie dabei offenbar wenig.
Die Medienindustrie ist, wie der Rest der Wirtschaft auch, in einer schweren Krise. Schuld sind allerdings hier nur am Rande die Banken und eine verfehlte Finanzpolitik. Stattdessen sinken die Werbeeinnahmen in klassischen Medien und ganze alteingesessene Gattungen wie Tageszeitungen werden durch das wesentlich schnellere Internet überholt, weil sie technisch schlicht nicht mehr mithalten können.
In einer solchen Situation scheint nun gar keine Idee mehr zu verrückt zu sein, um doch noch etwas Marktmacht zu behalten. Als Hauptgegner hat man sich dabei aktuell einmal mehr Google auserkoren, zeigt die große Suchmaschine doch, dass das Internet durchaus mit freien Informationen ein lukratives Geschäft sein kann. So sehr ich selbst auch die Größe und die Datensammelwut des Internet-Riesen bedenklich finde – hier trifft es den Falschen. Das erfolgreiche Google-Modell dient als Sündenbock für verpasste Chancen.
Und so hat ein Kleinkrieg begonnen: Wenn es nach einigen Nachrichtenagenturen und Medienkonzernen geht, ist bald Schluss mit dem lustigen Verlinken, den vom Urheberrecht problemlos gedeckten Zitaten und anderen Dingen, die das Netz groß gemacht haben. Bei der amerikanischen AP hätte man gerne 12 Dollar für 26 Worte, während in Deutschland Zeitschriftenverleger, die freie Journalisten selbst oft nicht mal für die Online-Verwertungen ihrer Texte entlohnen, gerne ihr eigenes Leistungsschutzrecht hätten.
Natürlich, es gibt auch noch vernunftbegabte Medienmanager. Aber insgesamt scheint allenthalben nackte Panik zu regieren. So wird nun wieder einmal gegen die so genannte "Kostenlos-Kultur" im Netz angeschrien, als ob nicht Modelle wie das Privat-TV seit Jahren von Werbeeinnahmen leben könnten.
Besonders verwirrend ist, dass in der letzten Web-2.0-Boomphase noch vor knapp zwei Jahren jeder Zeitungsboss davon sprach, dass Paid-Content-Modelle nie und nimmer funktionierten. Werbung sei das Maß der Dinge – und möglichst viele Leser. Ich erinnere mich noch an den Bezahldienst der "New York Times", den ich liebend gerne verwendet habe (wegen des Archivs und irgendwie fühle es sich nett an, für guten Journalismus zu bezahlen). Der wurde schließlich abgedreht, weil irgendein Manager meinte, es sei besser, nur mit Bannern Geld zu verdienen. Nun schwingt das Pendel wieder in die andere Richtung, zurück bleiben verwirrte Kunden.
Rupert Murdoch, der nun plötzlich für alle seine Nachrichten-Websites Moneten sehen will, hatte sich nach der Übernahme des "Wall Street Journal" mit seinem hochprofitablen Internet-Abomodell noch in die Richtung geäußert, dass das wohl bald aufgegeben würde. Davon ist nun, in der Krise, in der sowieso alle nur noch für das Notwendigste bezahlen wollen, nicht mehr die Rede.
Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich bin keineswegs gegen Bezahlinhalte im Netz. Sie müssen nur richtig verpackt sein. Websites mit Passwortschutz mögen im XXX-Bereich funktionieren (oder auch nicht mehr), doch für echte Content-Umsätze braucht es neue Modelle. Apple hat mit iTunes gezeigt, dass User bereit sind, hinter einem hübschen Interface für Downloads von Musik zu bezahlen. Inzwischen ist das derart nutzerfreundlich geworden, dass es nicht mal mehr nervige Kopierschutzmaßnahmen gibt. Warum nicht einfach hübsche PDF-Stores einführen, in denen man auch Printtitel kaufen kann? Und zwar möglichst kundenoptimiert, nicht so, wie man es von schlecht bedienbaren E-Paper-Angeboten kennt. Ich wette, das könnte sogar klappen. (wst)