Ballerkalle
Das Verbot von Ballerspielen hat mit dem Kampf gegen Gewalt so viel zu tun, wie die Steuererklärung mit Gerechtigkeit.
"Der Ballerkalle ist das Wahrzeichen vom Schützenfest Hannover. Er besteht aus einer Schießscheibe, mit zwei Füßen und einem Schützenhut. Inzwischen gibt es ihn auch als Teddibär." (Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Schützenfest Hannover)
Gestatten Sie, dass wir uns aus gegebenem Anlass einem wirklich ernsten Thema zuwenden - reden wir mal nicht von der globalen Erwärmung, die sowieso erst in 20 Jahren so richtig spürbar wird, der drohenden Herrschaft von Nano-Robotern oder der nächsten Steuererhöhung: Nein, reden wir vom drohenden Verbot so genannter Killerspiele. In Hannover kennen wir uns nämlich auch aus mit Waffenjunkies.
Eigentlich stand es ja schon im Koalitionsvertrag, dass die große Koalition die heranwachsenden jungen Menschen gerne besser vor Pixelblut schützen möchte. Das hat offenbar niemanden interessiert - erst seit der Innenministerkonferenz Anfang März schwant vielen, dass die Truppe der Übermutter der Nation es in diesem Punkt so richtig ernst meint.
Und so saßen sie denn da vergangene Woche in Köln und haben über den Clash of Realities diskutiert, mit der Wahrheit gerungen und Orientierung gesucht: Die Jungs von der Spiele-Industrie, Wissenschaftler, Politiker – und wahrscheinlich auch ein ganzer Haufen Lehrer. Cooler Titel für so eine wissenschaftliche Tagung. Nur dass mich das immer an einen der legendären Aussprüche des Ex-Kanzlers Kohl – der schwarze Riese aus Oggersheim – erinnert: "Die Wirklichkeit ist manchmal anders als die Realität".
Denn Computerspiele und einschlägige Videos werben nicht für Gewalt, sie reduzieren sie. Sie reduzieren Gewalt auf den coolen, unterhaltsamen Aspekt: Ein bisschen Adrenalin, weil man nicht weiß, ob der Gegner nicht gleich hinter der nächsten Ecke hervorspringt. Das ist lediglich der Kick aus der Geisterbahn auf einem höheren Niveau. Da wird kein Killer-Instinkt heran gezüchtet, da werden nur ein paar Reflexe trainiert. Die US-Army hat das schon lange erkannt und wirbt seit vier Jahren mit einem eigenen Ego Shooter für den vaterländischen Dienst. Dass die coole Pixelwelt nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat, merken die Jungs spätestens dann, wenn sie durch Bagdad oder Kabul fahren. (wst)