Eine nicht ganz so lustige Nano-Posse

Um die Produkte des Gesundheitspräparateherstellers Neosino ist ein Gutachterstreit entbrannt, ob nun Nanotechnik drin ist oder nicht. Der Fall offenbart einmal mehr das Wildwest-Stadium, in dem sich Nanotech-Anwendungen noch befinden. Geht das gut?

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Von
  • Niels Boeing

Noch zwei Wochen bis Ostern. In der deutschen Nanotech-Landschaft wird aber schon in diesen Tagen kräftig gesucht: allerdings nicht nach Ostereiern, sondern nach Nanopartikeln – in den Gesundheitspräparaten des hessischen Startups neosino nanotechnologies AG.

Dort hatte Anfang März das TV-Magazin Panorama gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung nach jenen wundersamen Nanoteilchen aus Silizium gefahndet, die der von Bayern-Stürmer Roy Makaay beworbenen Produktreihe ihre gesundheitsfördernde Wirkung bescheren sollen. Aber so sehr sich die Max-Planck-Forscher auch anstrengten: Sie konnten die bis zu zehn Nanometer (Millionstel Millimeter) großen Partikel einfach nicht finden. Das erzählte Panorama dann den Fernsehzuschauern und bestätigte damit einen Verdacht, der sich TR bereits im Januar aufgedrängt hatte.

Weil Neosino-Chef Edmund Krix dieses PR-Debakel nach dem Börsengang im Januar nicht hinnehmen wollte, lud er vorgestern zur Pressekonferenz nach Frankfurt. Er hatte gar zwei Forschungsinstitute mit Suchen beauftragt. Und, o Wunder: Sie fanden die Nanopartikel, die die Max-Planck-Forscher mit ihren besten Instrumenten nicht hatten entdecken können.

Anleger und interessierte Laien mögen sich da die Augen reiben: Kann das wahr sein? Ist es möglich, dass Kolloidforscher – früher nannte man Nanopartikel Kolloide – knapp 80 Jahre nach Erfindung des Elektronenmikroskops die Metallklümpchen in einer Suspension oder einem Pulver einfach übersehen? Ich kann mir das nicht vorstellen.

Aber ganz gleich, wer hier falsch gespielt hat: Diese Posse zeigt, dass sich die Nanoproduktwelt derzeit noch in einem Wildwest-Stadium befindet. Solange der Sheriff nicht hinguckt, macht man, was man will. Erst kürzlich wurde ein Schoko-Kaugummi des US-Herstellers O'Lala im neuen Nanotechnology Consumer Products Inventory als Streichkandidat eingestuft, weil die Nanopartikel darin nicht nachzuweisen waren. Auch bei manchem nano-optimierten Putzmittel kann man seit Längerem Gerüchte hören, dass das Nano-Etikett, sagen wir mal, Wunschdenken der Hersteller ist.

Umgekehrt schreibt längst nicht jeder Produzent Nano außen drauf, wenn er es besser sollte. Er muss ja auch nicht. Bloß nichts regulieren, hieß bislang die Devise auf diesem heißen neuen Technikfeld. Es ist ja alles unter Kontrolle. Mag sein, dass Nanopartikel nicht so schädlich sind, wie Toxikologen bisher annahmen, wie eine Studie von Fathi Moussa von der Universität Paris 11 nahelegt. Mag sein, dass auch da nicht genau genug hingeschaut wurde, wenn eine andere aktuelle Studie die Toxizität von nano-skaligem Titandioxid (kommt in Sonnencremes vor) und Buckyballs für Zooplankton in Wasser feststellt.

Sicher ist nur: Das Vertrauen der Verbraucher in die Seriosität von Nanotechnik wird durch dieses Durcheinander nicht gestärkt. "High Tech braucht 'High Trust': Die High-Tech-Gesellschaft produziert nicht nur Güter, sondern auch Misstrauen. Vertrauensbildung muss ein zentrales Anliegen aller Akteure sein", lautete sehr richtig eines von "zehn Geboten der Nanokommunikation", die Christoph Meili von der schweizerischen Innovationsgesellschaft Ende Januar in der NZZ vorstellte. Ein weiteres: "Wo Nano drin ist, soll Nano draufstehen …". Dass er noch ein elftes Gebot gebraucht hätte, konnte Meili nicht ahnen. Es lautet: "Wo kein Nano drin ist, soll nicht Nano draufstehen." (wst)