Mein subversiver Alltag
Es ist Montag, und draußen tröpfelt der Regen. Wie wäre es da zur Belebung mit einem Akt individueller Auflehnung gegen den tristen Alltag? Wie werde ich Staatsfeind: Eine leicht fassliche Einführung für den blutigen Anfänger.
Es ist Montagmorgen. Draußen tröpfelt der Regen aus dem bleigrauen Himmel. Und es ist – die Zeitumstellung ist noch nicht verdaut – eindeutig viel zu früh. Wie wäre es da zur Belebung mit einem Akt individueller Auflehnung gegen den tristen Alltag? Starten wir die Woche doch mal subversiv. Das ist ganz einfach – erst vergangene Woche bin ich innerhalb weniger Stunden zum Terrorhelfer avanciert.
Die Geschichte fing ganz harmlos an. Auf der CeBIT habe ich mir ein automatisiertes Videoüberwachungssystem angesehen. Klingt nach Orwell: Software, die in der Lage ist, verdächtiges Herumlungern zu erkennen – der Traum jedes Wachmanns.
Die Wirklichkeit war pragmatisch: Die Software stellt beispielsweise fest, ob innerhalb einer vom Kunden zu definierenden Fläche ein Gegenstand platziert wird – oder ob die Menschen in einer definierten Zone sich auch in die richtige Richtung bewegen, und ein Bösewicht versucht, sich im Schlepptau einer kontrollierten Person noch schnell durch die automatische Sperre zu mogeln: Insgesamt gab es zehn vordefinierte Verhaltensweisen, die Alarm auslösen. Trotzdem, so pries der freundliche Herr am Stand die Ware an, sei dies ein enormer Fortschritt. Denn gerade in sicherheitsrelevanten Bereichen wie etwa Flughäfen würde nur ein Bruchteil der von Kameras generierten Bilder überhaupt noch vom Wachpersonal kontrolliert – menschliche Arbeitskraft ist schließlich viel teurer, als Kameratechnik. Mit einem großen europäischen Flughafen – hier in Deutschland – stehe man gerade im Verhandlungen.
Sie ahnen schon, was kommt: Natürlich habe ich versucht, diese Behauptungen zu überprüfen. Habe Fragen gestellt bei der Fraport AG: nach der Anzahl der installierten Kameras, der Anzahl der Wachleute und einer eventuell installierten Software-Unterstüzung. Die Antwort kam prompt und eindeutig: eisiges Schweigen mit der Begründung "Datenschutz".
Leider zwingt mir mein Beruf eine gewisse Penetranz auf. Ich habe also hinterhertelefoniert und versucht, die Situation zu erklären, bis mir ein schon leicht aufgelöster Sicherheitsspezialist sichtlich empört erklärte, er könne doch keine Informationen herausgeben, die den Betrieb des gesamten Frankfurter Flughafens lahm legen würden.
Da fuhr mir dann doch der Schreck in die Glieder. Stellen Sie sich vor, ich hätte Erfolg gehabt. Und die Informationen veröffentlicht. Wahrscheinlich säße ich schon in Guantanamo. "Was lernt uns das?", pflegt der hannöversche Kabarettist Dietrich Kittner in solchen Fällen zu fragen. So einfach ist das, subversiv zu sein: Stellen Sie Fragen! Besonders nach scheinbaren Selbstverständlichkeiten. Der Rest ergibt sich von selbst. (wst)