Für eine Hand voll Euro
Beschäftigen wir uns daher heute mit der beliebten Frage: Wann gewinnt der erste Blogger den Pulitzer-Preis? Dem Beispiel des Kollegen Urbach folgend, würde ich an dieser Stelle gerne eine Wette anbieten.
Online zu publizieren ist immer wieder eine spannende Sache: Kaum jemand, der im Forum postet, oder eine Lesermail schreibt, würde sich die Mühe machen, einen Leserbrief an seine Zeitung zu verfassen. Bei uns aber trudeln sie ein: Binnen Stundenfrist haben wir manchmal hunderte von Reaktionen. Welches andere Medium erlaubt einen so unverfälschten Blick in die Psyche des Durchschnittslesers?
Bei der Debatte um unsere Google-Earth-Geschichte hat sich mal wieder herauskristallisiert, zu welchen Allmachtsphantasien der Gebrauch von Computer und Internet verführt: The world at your fingertips - und jeder ist sein eigener Publizist. Leute wie wir, spielen da auch schon mal die Rolle des Hofnarren. Der von seinem Leser bisweilen erklärt kriegt, wie er denn eigentlich eine richtige Zeitung zu machen hat - auch wenn dieser Leser im richtigen Leben grade mal mit den Tücken der gymnasialen Oberstufe kämpft.
Beschäftigen wir uns daher heute mit der beliebten Frage: Wann gewinnt der erste Blogger den Pulitzer-Preis? Dem Beispiel des Kollegen Urbach folgend, würde ich an dieser Stelle gerne eine Wette anbieten: Ich behaupte, das wird nie passieren. Oder nur dann, wenn der betreffende Blogger ein Profi ist.
Was aber ist diese geheimnisvolle Professionalität? Auch wenn wir damit jetzt einige lieb gewordene Illusionen zerstören müssen - seid jetzt ganz tapfer, liebe Leser - Professionalität hat nichts zu tun mit einer besonderen Coolness, dem vollen Durchblick und den supergeheimen Quellen. Es heißt ganz nüchtern: Wir machens euch für Geld!
Ein kleines bisschen weniger verkürzt: Ein Profi ist jemand, der sich im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung auf die Ausübung bestimmter Tätigkeiten spezialisiert. Zum Beispiel auf das Sammeln, Sichten, Aufbereiten und Verbreiten von Informationen. Für die Ausübung anderer Tätigkeiten - etwa die Herstellung leckerer Brötchen - bleibt dann in der Regel keine Zeit. Und in der der 24-Stunden-7-Tage-Informationsgesellschaft ist Zeit eine international gültige Währung mit Vertrauen als zugehörigem Kleingeld.
Was heißt das praktisch? Neulich habe ich gelesen, dass angeblich 80 Prozent der deutschsprachigen IT-News aus amerikanischen Quellen abgeschrieben sind. Das erschreckt mich keineswegs. Abgesehen davon, dass die Zahl wahrscheinlich hoffnungslos übertrieben ist - ich würde schätzen, dass es bestenfalls 50 Prozent sind: Niemand ist in der Lage - auch nicht im Zeitalter von RSS - alle relevanten Nachrichtenquellen kontinuierlich zu scannen. Dies zu tun, dabei zu Filtern, Zusammenzufassen und zu Bewerten, ist in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Aufgabe von professionellen Journalisten. Können, tun das auch andere. Aber die Voraussetzungen eines Profis sind ungleich viel besser.
Zur Beruhigung: Ich glaube fest daran, dass es keiner Berufsbezeichnung oder gar einer abgeschlossenen Ausbildung bedarf, um irgend etwas wirklich gut zu können. Neugier und Leidenschaft können ganze Studiengänge ersetzen. Aber die Welt besteht nicht nur aus Wille und Vorstellung. Zeit und Gelegenheit etwas zu lernen, und vor allem zu praktizieren, sind wichtige Voraussetzungen. Daran ändern weder das Internet, das Web - auch nicht in der Version 2.0 - oder emergente Phänomene der Selbstorganisation irgend etwas. Wollen wir wetten? (wst)