ZurĂĽck in der Zukunft

Weil die deutsche Ausgabe der TR auf einer US-Lizenz beruht, hält sich bei einigen potenziellen Lesern hartnäckig der Irrglaube, wir würden den guten, alten Beton-Fortschrittsglauben propagieren.

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Weil die deutsche Ausgabe der TR auf einer US-Lizenz beruht, hält sich bei einigen potenziellen Lesern hartnäckig der Irrglaube, wir würden den guten, alten Beton-Fortschrittsglauben propagieren, der sich beispielsweise in der Klimapolitik der US-Regierung manifestiert. Mein ehemaliger Chef Thomas Vasek hat sich bereits zu Zeiten der Bundestagswahl redlich gemüht, diesen Glauben zu erschüttern, indem er beispielsweise eine nur leicht verklausulierte Wahlempfehlung für die Grünen abgegeben hat. In der kommenden Ausgabe schlagen wir noch mal in die selbe Kerbe. Obwohl die Titelzeile "Grün gewinnt" nicht explizit parteipolitisch gemeint ist, ist es doch die Botschaft: In Zeiten zunehmender Rohstoffknappheit, garantiert ausgerechnet ein früher als weltfremd verspotteter Öko-Ansatz plötzlich überraschende ökonomische Potenziale. Die Grünen haben das erkannt und setzen auf ein neues deutsches Wirtschaftswunder im Zeichen von "Clean Tech".

Nicht nur auf Seiten unserer Leser führt diese Erkenntnis zu amüsanten soziokulturellen Verwirrungen: Im Rahmen der Hannover Messe läuft zur Zeit der "World Energy Dialogue", auf dem Politiker und Manager die Zukunft des Energiemarktes diskutieren. Klingt superseriös, steif und ein wenig langweilig, ist aber sehr lustig, weil die Themen und Thesen sich anhören, wie die frühen Ökos in den siebziger Jahren. Aber jetzt tragen sie alle Nadelstreifen - oder zumindest schwarze Anzüge - und sitzen in mindestens einem Aufsichtsrat.

Seine königliche Hoheit Prinz el Hassan bin Talal, der nicht nicht nur Prinz von Jordanien ist, sondern auch Präsident des Club of Rome, gab sich per Standleitung persönlich die Ehre ein Geleitwort zu sprechen. Der Sonnengürtel, erklärte Hassan, müsse sich mit dem Technologiegürtel zusammentun. Ein Stück Wüste von der Größe von Hamburg könne, überbaut mit einem Solarkraftwerk, den Strombedarf von ganz Deutschland decken - und nebenbei noch tausende Liter Meerwasser entsalzen. "Die Sonne umarmen", nannte das der Prinz - und nicht nur aus dieser blumigen Formulierung wehte die Teilnehmer der Geist der siebziger Jahre an.

Die dreißig Jahre alte Umwelt- und Energiediskussion steht wieder auf der Tagesordnung. Nur dass die Umweltschützer von heute jetzt Nadelstreifen tragen. Und keine Flugblätter schreiben, sondern Geschäftsberichte. Nicht dass ich missverstanden werde: Die ökonomische Vernunft führt nicht immer zur optimalen Lösung. Utz Claasen, Vorstandsvorsitzender des Energieriesen EnBW gab ein schönes Beispiel dafür: Die Entscheidung, die deutschen Atomkraftwerke jetzt abzuschalten, sei verfrüht, argumentiert Claasen mit unschuldigem Augenaufschlag. Schalte man zu früh ab, müsse man die Kraftwerkskapazitäten durch fossile Kraftwerke ersetzen, was den zukünftigen Energiemix "geradezu in Beton" gieße. Nur wenn man die AKWs lange genug laufen ließe, könne man "regenerative Alternativen entwickeln". Zum Jahrestag des Tschernobyl-Unfalls erwärmt so viel Sorge um die Zukunft einem doch richtig das Herz. (wst)