Paranoia 2.0

Der Bundes-Datenschutzbeauftragte, der dankenswerterweise in der aktuellen Ausgabe unseres Printheftes gegen den grassierenden Sicherheitswahn argumentiert, hinkt dem Zeitgeist gnadenlos hinterher.

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Kaum wird das Web2.0 geschäftsfähig, melden sich schon wieder die üblichen Verdächtigen mit den üblichen Bedenken: Frank Rieger, seines Zeichens Sprecher des Chaos Computer Clubs hat jetzt in seinem Blog erklärt, warum er keine Fotos auf der Online-Fotosammlung Flickr veröffentlicht: "Every time a cool new service comes along that allows me to do something net-based that I might find interesting it ends up getting merged into some sort of über-ID scheme that wants to merge all my online data", schreibt Rieger.

In der Tat: In ihrer Begeisterung über die Möglichkeiten sozialer Netze und Web-Mashups stellen manche Programmierer Sicherheitsbedenken gerne hinten an, reichen aber allerlei Daten ganz fröhlich übers Netz - hat auch der New Scientist kürzlich festgestellt. Und wir wissen ja, Vorsicht schadet nie: Die Tatsache, dass Du paranoid bist, heißt noch lange nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind.

Richtig lang hingeschlagen bin ich allerdings, als ich die ersten Berichte über das kommende Google Notebook gelesen habe: Dabei soll es sich um eine Art "Notizbuch für Online-Nomaden" handeln. Der Nutzer kann damit während des Surfens Bilder, Texte und Links aus Webseiten herauskopieren, ohne das Browser-Fenster verlassen zu müssen. Diese Inhalte soll er dann online anderen Nutzern zugänglich machen können.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein, der dankenswerterweise in der aktuellen Ausgabe unseres Printheftes gegen den grassierenden Sicherheitswahn und fĂĽr "eine kluge Rationalisierung der personenbezogenen Ăśberwachung" argumentiert, hinkt dem Zeitgeist gnadenlos hinterher. Man braucht die Leute gar nicht mehr zu ĂĽberwachen - das machen sie schon gerne selbst.

Die Leute rennen wie verrückt hinter immer neuen Gratis-Webmail-Angeboten hinterher - und sie benutzen diese Zugänge auch auf Dienstreisen ganz selbstverständlich für alle Arten von geschäftlicher und privater Korrespondenz. Was natürlich auch mit der um sich greifenden Unsitte zu tun hat, dass sich zwar WLAN-Zugänge immer weiter verbreiten, die dafür aber gerne so zugenagelt sind, dass man weder SSL noch VPNs benutzen kann. Gar nicht zu reden davon, dass sich heutzutage jeder eine Kundenkarten aufschwatzen lässt, und damit sein vollständiges Käuferprofil zu jedweder kommerziellen Nutzung freigibt - für den Gegenwert von ein paar Glasperlen.

Und demnächst verfügt der Suchmaschinen-Riese dann also auch noch über das kollektive Gedächtnis unseres Surf-Verhaltens,unserer Interessen und unseres Tagesablaufs. Eigentlich müsste man jetzt Aktien von Firmen kaufen, die in Data-Mining machen. Und offline gehen. Aber wo bekäme man dann so schöne Geschichten geboten? (wst)