Religion kontra Wissenschaft
Der Evolutionstheoretiker Richard Dawkins hat mit "The Root of All Evil?" eine flammende Religionskritik ins britische Fernsehen gebracht. Dank Google Video geht die Debatte nun im Web (und damit dem Rest der Welt) weiter.
Die Frage, ob Religiösität noch in unsere moderne Welt passt, wird immer wieder gerne gestellt. In vielen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, steigt die Zahl der Atheisten rapide, die Religionsaustritte nehmen regelmäßig zu und die Fahne der Gottgläubigkeit scheint in zunehmendem Maße vor allem von Migranten (stammen sie nun aus konservativen christlichen oder islamischen Ländern) geschwenkt zu werden.
Und dennoch: Religion ist weltweit wieder auf dem Vormarsch, so stark wie seit langem nicht mehr. Sei es nun der zunehmend erfolgreiche Islam, dem sich immer mehr desillusionierte wie radikalisierte Menschen zuzuwenden scheinen oder die mächtige Welle der wiedergeborenen Christen ("Evangelicals") in den USA, die ihren freikirchlichen Protestantismus in so genannten Riesenkirchen ("Megachurches") feiern und zu denen sich sogar der amerikanische Präsident George W. Bush bekennt.
Beiden Bewegungen sei gemein, meint der bekannte britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins (Autor von "The Selfish Gene"), dass sie sich durch einen neuen Fundamentalismus auszeichneten - und dieser sei brandgefährlich für den Fortschritt der Menschheit.
In einer Dokumentation für den britischen Kanal "Channel 4", die sich fragend "The Root of All Evil?" ("Die Wurzel allen Übels?") nannte, legte Dawkins im Januar eine flammende Religionskritik vor. Der zweiteilige Streifen mit einer Spielzeit von rund anderthalb Stunden ist dank des Videodienstes von Google inzwischen auch weltweit zu sehen, was eine heiße Debatte in den internationalen Weblogs auslöste.
Dawkins Argumentationskette wird gläubige Menschen irritieren, entziehen kann man sich ihrer als denkendes Individuum aber kaum. Er stellt die faktenorientierte Wissenschaft in einen scharfen Kontrast mit dem abergläubischen Anteil der Weltreligionen. Das ideale Theoriegebäude eines Forschers, das dieser selbst immer wieder zu widerlegen suche, widerspreche stark den auf Glauben und Tradition, nicht jedoch durch Beweise belegten Religionsgrundsätzen.
Das alleine wäre ja kein Problem, wenn es ein friedliches Miteinander beider Bereiche gäbe - doch die Wissenschaft wird aus der fundamentalistischen Religionsecke massiv attackiert. Dinge, die wir uns in Deutschland kaum vorstellen können, sind, so Dawkins, in den USA längst Realität. Dort glaubt etwa ein enorm hoher Bevölkerungsanteil daran, dass die Erde nicht älter als 10.000 Jahre sei, die Evolutionstheorie wird verteufelt.
Bei einem Besuch in Colorado Springs, der "Hauptstadt" der Evangelicals in den USA, zeigt der Evolutionsbiologe, was das bedeuten kann: Eine Gruppe "freier Denker", deren einziges Verbrechen die Hinterfragung des Schöpfungsmythos ist, wird nach McCarthy-Art verfolgt. Ted Haggard, Leiter der freien "New Life Church", die sich gegen Schwule, Evolutionsanhänger und Angehörige anderer Religionen wenig tolerant zeigt, wirft Dawkins nach einem (allerdings recht frechen) Interview-Versuch vom Gelände. (Haggard ist laut eigenen Angaben übrigens in ständigem Kontakt mit dem US-Präsidenten.)
Man kann dem Evolutionsbiologen Dawkins, der auch als "Pittbull Darwins" gilt, vorwerfen, er habe vor allem mit fundamentalistischen Religionsvertretern gesprochen. Andererseits sind eben diese weltweit auf dem Vormarsch - so haben die Evangelicals in den USA inzwischen 30 Millionen Mitglieder. Es wäre jedoch meiner persönlichen Meinung nach schön, wenn es beides geben könnte: Eine moralisch integre Wissenschaft, die die (niemals verkehrte) Demut eines gläubigen Menschen kennt und eine neue, vielleicht etwas privatere Religiösität, die ihre Ethik nicht als seit Jahrtausenden in Stein gemeißelt betrachtet und offen für Fortentwicklungen der Menschheit ist. Das gelingt uns hier zu Lande doch bislang eigentlich ganz gut.
Die Wikipedia hält eine gute Zusammenfassung von "The Root of All Evil?" bereit. Den Film finden Sie hier. (wst)