Das Netzebenen-Chaos
Christian Schwarz-Schilling ist an allem Schuld: Der Ex-Postminister der Regierung Kohl sorgte in den Achtzigern dafür, dass noch beim Bau der TV-Kabelnetze eine technisch völlig unnötige Netzebene eingezogen wurde.
Wenn in Deutschland die Rede vom TV-Kabel ist, hört man meistens nur von den Betreibern der so genannten Netzebene 3 (Netzebene 1 sind die Sender, Netzebene 2 deren Rundfunkverteilsysteme). Dort werkeln bekannte Unternehmen wie Unity Media/Tividi (vormals: iesy/ish/Tele Columbus; besitzt mit Arena nun die Bundelsiga-Rechte), KabelBW und vor allem Kabel Deutschland, der größte Betreiber.
Allerdings bedeuten die Prominenz dieser Firmen noch lange nicht, dass man als Kabelkunde mit diesen auch einen Vertrag geschlossen hat. Der Ex-Postminister Christian Schwarz-Schilling, heute in Bosnien-Herzogowina aktiv, sorgte in der Regierung Kohl in den Achtzigerjahren dafür, dass noch beim Bau der Kabelnetze eine weitere und technisch eigentlich völlig unnötige Netzebene 4 eingezogen wurde.
Mit jener Netzebene 4 wollte man damals vor allem Mittelständlern etwas Gutes tun - ein weltweit einmaliger Vorgang im Kabel-TV-Bereich. Während die Fürsten der Netzebene 3 die TV-Signale nehmen und bis an den Straßenrand anliefern, übernehmen ab dort die Betreiber der Netzebene 4, in deren Besitz sich die Hausverteilnetze befinden. Zu den Großen dieser Branche gehören die weitgehend unbekannten Anbieter ewt/TSS, Bosch, Primacom und andere, darunter auch Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften.
Mit der Netzebene 4 haben vor allem Mieter zu tun: Wenn deren Hausbewirtschafter keine Lust verspĂĽrt, seine eigenen Kabelanlagen zu pflegen, verkauft dieser seine Verteilanlagen einfach an obige Anbieter, mit denen es dann wiederum der Endkunde zu tun bekommt.
Das bedeutet in der Praxis folgendes: Will man sich etwa eines der schönen im Fernsehen beworbenen Digital- oder Internet-Pakete z.B. von Kabel Deutschland (Netzebene 3) besorgen, geht dies nur, wenn der Betreiber der Netzebene 4 auch einen Vertrag mit Kabel Deutschland geschlossen hat. Da diese aber im Rahmen des aktuellen Triple-Play- und Pay-TV-Hypes mächtig Morgenluft schnuppern, ihren direkten Kundenzugang auszunutzen, kann es durchaus sein, dass sie lieber eigene und leider nicht selten aufgrund der schlechteren Einkaufskonditionen unattraktivere Angebote bereit halten. Das bedeutet dann, dass man als Kunde möglicherweise gar nicht an die schönen Dienste der Netzebene 3 herankommt. (Das Netzebenen-Chaos gilt darüberhinaus auch als einer der Gründe, warum der Breitbandkabel-Ausbau in Deutschland so schleppend vorankommt.)
Besser gestellt sind hingegen Eigenheimbesitzer, die direkte Verträge mit Netzebene 3-Anbietern schließen können oder Bewohner von Wohnanlagen, deren Besitzer direkt mit Kabel Deutschland, Unity Media & Co. arbeiten - für sie öffnet sich die schöne neue Digitalwelt der großen Kabel-Anbieter sofort, ohne dass sie es mit einem dazwischengeschalteten Netzebene 4-Betreiber zu tun bekommen, der möglicherweise auch noch für zusätzliche Freischaltgebühren die Hand aufhält.
An dieser Stelle soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass es auch unter den Netzebene 3-Anbietern an Wettbewerb fehlt. Warum ist es z.B. nicht möglich, einen Kabelanschluss von Unity Media in einem Gebiet von Kabel Deutschland zu erlangen? Was ist mit dem Durchleitungsgebot, das man aus dem Telefonnetz kennt? Ist es erst dann umsetzbar, wenn die Netze endlich überall bidirektional sind? Fragen über Fragen. Fazit: Es gibt noch viel zu tun im deutschen Kabelnetz. (wst)