Abgefahren

Der ganze Radsport-Betrieb ist eh durchkommerzialisiert bis in die Zehenspitzen. Warum sollte nicht auch die Pharmabranche ihre Chance erhalten?

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 2 Min.

Und raus bist Du. Die Elite des internationalen Radsports spielt derzeit einen lustigen Abzählreim: Nachdem diverse Favoriten zur diesjährigen Tour de France gar nicht erst antreten durften, muss nun auch der Tour-Sieger Floyd Landis möglicherweise – bei der biochemischen Starthilfe ertappt – vom Siegertreppchen steigen. Doping – was für ein hässliches Wort. Das klingt so nach Drogen, nach Abhängigkeit und Halbwelt. Geradezu kriminell.

Ich denke – und vielleicht sollte ich an dieser Stelle einwerfen, dass ich zur Steigerung meiner geistigen Leistungsfähigkeit zwei doppelte Espresso getrunken habe –, die einzige Möglichkeit, die Tour doch noch zu retten, kann nur nach dem guten alten sozialistischen Motto funktionieren: Keine Fehlerdiskussion! Nach vorne diskutieren! Der ganze Radsport-Betrieb ist doch eh durchkommerzialisiert bis in die Zehenspitzen. Warum sollte nicht auch die Pharmabranche ihre Chance erhalten: Das Team Telekom gegen die Mannschaft von Bayer oder La Roche? Details sind den PR-Profis zu überlassen: Statt Doping heißt es dann optimale sportmedizinische Betreuung – der Sieger wirbt gleichzeitig für den optimalen Power-Booster. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, die mitunter lebensgefährlichen Nebenwirkungen der leistungssteigernden Menschenversuche in den Griff zu kriegen.

Das ist Ihnen zu zynisch? Zur Erinnerung: Die Kollegen Tobias Hürter und Hanno Charisius berichteten bereits im August 2004 über die – manchmal im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden – Perspektiven des Gen-Dopings: So hatten beispielsweise Zurab Siprashvili und Paul Khavari von der Stanford University das Epo-Gen per Virus in menschliche Haut injiziert, die sie auf Mäuse pflanzten. Vor das Epo-Gen hatten sie ein Regulierungsgen gehängt, das sie mit einer speziellen Hautcreme aktivieren konnten. Wenn die Wirkung der Hautcreme verfliegt, stellt auch das Epo-Gen seine Tätigkeit ein. Ein Betrugsversuch nach diesem Prinzip wäre dem Sportler kaum noch nachzuweisen. Noch, so zitierten sie den Muskelforscher Bengt Saltin, sei das Risiko für Athleten und Betreuer unkalkulierbar, "aber für die olympischen Winterspiele 2006 können wir damit rechnen". (wst)