Das schlechte Beispiel

In den USA wird gerade aus einem vor mehr als 20 Jahren sorgsam in marktfreundliche Stücke filetierten Telefonmonopolisten Schritt für Schritt wieder der größte Telekommunikations-Krake aller Zeiten.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 3 Min.

Wer an die USA denkt, denkt an einen funktionierenden Markt und viel Wettbewerb, an Kapitalismus "at its best", wie man so schön sagt. Doch das ist, wenn man sich einmal bestimmte Segmente der dortigen Volkswirtschaft ansieht, nicht unbedingt der Fall - erstaunlicherweise nicht einmal in einem so zukunftsträchtigen Markt wie der Telekommunikation.

Und so kommt es zum Beispiel, dass ein Amerikaner, der gerne Breitband-Internet hätte, eine eher geringe Auswahl hat - entweder geht er zu seiner Telefongesellschaft oder seinem Kabelanbieter, das war's. DSL-Provider machen sich dort im Vergleich zu hiesigen Verhältnissen beispielsweise nahezu keine Konkurrenz.

Der Grund für diesen Zustand (der überhaupt erst Auslöser der unseligen Debatte um die Netzneutralität war, weil sich in der Hand weniger Konzerne die große Masse der Internet-Kunden befinden) ist ein erstaunliches Stück Industriegeschichte.

Telekommunikationsmonopole gab es in den USA bis 1984. Damals herrschte das so genannte "Bell System" mit seiner Mutter American Telephone & Telegraph (AT&T). Als AT&T in den Achtzigerjahren in das lukrative Computergeschäft einsteigen wollte, entschloss man sich im Rahmen einer Anti-Trust-Klage des US-Justizministeriums, einer Zerschlagung in Regionalcarrier zuzustimmen. Die so genannten "Baby Bells", regionale Telefonfirmen, übernahmen als unabhängige Unternehmen die Ortsnetzversorgung. AT&T blieben nur noch die Ferngespräche, wo man dann aber schnell auf leichtfüßigere Konkurrenten wie MCI und Sprint stieß.

So weit, so gut für den Markt - wären da nicht die langsam aufkommenden Bestrebungen der "Baby Bells" gewesen, nicht nur im lokalen Bereich tätig zu sein. Nachdem der US-Regulierer FCC entsprechende Erlaubnisse erteilt hatte, ging in den späten Neunzigerjahren nach dem ersten "Telco-Shakeout" im Zusammenhang mit dem Platzen der Internet-Blase ein gewaltiges "Merger & Acquisitions"-Gewitter auf den amerikanischen Telekommunikationsmarkt nieder.

Von acht "Baby Bells" sind durch den Wachstumswahn inzwischen nur noch ganze vier übrig geblieben. Besonders Southwestern Bell (SBC) aus Texas gab sich schluckfreudig: Man übernahm Ameritech, Southwestern Bell, Pacific Telesis und übernahm schließlich, sozusagen als Stinkefinger an die Regulierungsgeschichte, das siechende Telefongeschäft von AT&T - um sich dann auch noch von SBC zu AT&T umzubenennen. Außerdem will man nun noch den letzten verbliebenden signifikanten Player im Süden, BellSouth, übernehmen.

Resultat nach 20 Jahren des "freien" Marktes: Neben der "neuen" AT&T existiert nur noch der große Konkurrent Verizon (ebenfalls aus mehreren Baby Bells entstanden) und der wesentlich kleinere Qwest. Geht das Merger-Tempo so weiter, dürfte es in zehn Jahren nur noch eine große Telefongesellschaft namens AT&T geben. Und da sage noch einer, man könne aus der Geschichte lernen.

(Und ja, ich habe hier natĂĽrlich die vielen innovativen VoIP-Unternehmen unterschlagen, die AT&T, Verizon und Co. Konkurrenz machen. Doch sollten die US-Telcos sich mit ihrer Politik durchsetzen, Internet-Datenverkehr nach Gutsherrenart zu blockieren, ist damit auch Schluss.) (wst)