Krass Überschätzt
Technik macht größenwahnsinig: Die scheinbar mühelose Beweglichkeit eines Rollkoffers lässt einen nur allzu gerne die Gesetze der Physik vergessen.
Wer sich in diesen Tagen nicht auf Urlaub befindet, aber trotzdem per Flugzeug oder Zug durch die Gegend reist, wird mit einem interessanten Phänomen konfrontiert: dem Rollkofferschieber. Jede Menge anscheinend eigentlich offenbar recht intelligenter Zeitgenossen wuchten viel zu große und zu schwere Rollkoffer durch viel zu enge ICE-Gänge, ziehen sie über hoppeliges Kopfsteinpflaster oder versuchen, nicht von ihrer Last gezogen, die viel zu steile Bahnhofstreppen hinunterzustürzen.
Warum tun sie das? All diese Leute sind Opfer eines weit verbreiteten Irrglaubens: Dass technische Hilfsmittel die Naturgesetze ausschalten können. Die scheinbar mühelose Beweglichkeit des Rollkoffers beispielsweise lässt einen nur allzu gerne die Physik vergessen. "Sieh her", sagt der Rollkoffer, "du brauchst nichts zu tragen – und kannst alles mitnehmen, was Du willst". Leider ist das bloßer Schein. Und wenn wir dann eines Tages das Antigravitationslager für Traglasten erfunden haben, werden viele Menschen erst feststellen, dass die Masse nicht verschwunden ist, wenn sie das Ding um eine Kurve wuchten müssen.
Der technisierte Mensch neigt nicht nur zu der Illusion, alles unter Kontrolle zu haben, sondern auch dazu, sich hoffnungslos zu überschätzen. Nur weil wir innerhalb von – sagen wir mal – rund zwölf Stunden jeden Punkt auf diesem Globus erreichen können, heißt das nicht, dass wir grenzenlos einsatzfähig sind. Und weil wir dank Internet und Mobiltelefon pausenlos erreichbar sind, heißt das nicht, dass wir pausenlos etwas zu sagen hätten – geschweige denn, zuhören können.
Pessimisten wie der Philosop Günther Anders haben bereits in den Achtzigerjahren argumentiert, der Mensch könne sich an das Tempo seiner selbst geschaffenen Technologie nicht anpassen und würde an seiner eigenen Antiquiertheit schließlich aussterben. Wenn ich dieser Tage von den Störfällen in schwedischen AKWs lese, fürchte ich, er hat Recht. Glauben Sie nicht? Fragen Sie doch mal demnächst auf dem Bahnhof einen Menschen mit einem extrem großen Koffer nach seinem Beruf. Ich wette, er ist Ingenieur. (wst)