Die Wahrheit

Kryptografisch manipulationssicher gemachte Fotos wären toll. Die Welt würde langweiliger werden, die Kriege ein bisschen weniger knallig, die Opfer ein bisschen uncooler tot und die Models ein bisschen weniger hübsch.

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Heute verschenke ich eine Geschäftsidee – gratis, frei, sozusagen Open Source (erzählen Sie also ruhig weiter, von wem Sie diese Idee haben). Aber ohne Frischegarantie. Wahrscheinlich hatten diese Idee vor mir schon zig andere Leute. Verwirklicht hat sie halt noch keiner, deswegen komme ich jetzt auch endlich zur Sache.

Es geht um Kriegsberichterstattung. Sie wissen schon, die Sache mit dem manipulierten Rauch bei Reuters – "Die Flaute nach dem Schuss", wie das die Kollegen von Telepolis so schön genannt haben. Ja ja, das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, und seit der Einführung digitaler Fotografien in den Nachrichtenagenturen können wir eigentlich Niemandem mehr trauen – wenn wir das denn jemals konnten – und überhaupt gilt ja die lateinische Weisheit: Mundus vult decipi, ergo decipiatur, was laut dieser Quelle von Luther höchstselbst stammen soll – der Zusatz 'ergo decipiatur' stammt angeblich von Paracelsus – und heißt: "Die Welt will betrogen werden, also soll sie betrogen werden". Aber ich wollte ja zur Sache kommen.

Hier also die Idee: Man nehme eine digitale Kamera und verheirate sie mit so etwas wie einem TCP-Modul. Dann wird jedes Bild, das eine solche Kamera speichert, mit einem Schlüssel signiert – oder wenigstens mit einem Hash-Wert versehen – und so quasi versiegelt. Jede Nachbearbeitung würde auf diese Weise sofort transparent gemacht.

Je nach Status könnte man ja unterschiedliche harte Stufen der Kryptografie einsetzen – für das Urlaubsfoto eine einfache Hash-Funktion, für den Kriegsberichterstatter die von der Signaturstelle der UN zertifizierte Version. Die Welt würde langweiliger werden, die Kriege ein bisschen weniger knallig, die Opfer ein bisschen uncooler tot und die Models ein bisschen weniger hübsch. Aber wir wären ein bisschen näher dran. Klingt zu phantastisch? Haben Sie schon mal versucht, einen Geldschein auf einem Farbkopierer zu kopieren? So was machen Sie nicht, ich weiß, aber nur mal so als Experiment. Geht nicht – die Möglichkeit ist technisch genauso unterbunden wie die Manipulation eines solchen eingescannten Scheines in Photoshop. Wahrscheinlich hatte Paracelsus doch Recht. Geld scheint uns mehr zu interessieren als die Wahrheit. (wst)