Kalter Krieg am Himmelszelt
Wir leben in globalisierten Zeiten. Jeder kann im Internet auf Informationen aus fremden Ländern zugreifen, nahezu ohne Einschränkung. Doch im Äther gilt das nicht - da halten die Satellitenbetreiber nichts von globalisierter Freizügigkeit.
Wer einmal einen Blick auf die TV-Pakete-Liste der großen europäischen Satelliten Astra und Hotbird wirft, kommt aus dem Staunen nicht heraus: Spannende Dinge gibt's da zu empfangen - Fußball, Nachrichten aus aller Herren länder, Dokumentationen, neueste Spielfilme und viel interessantes Lokalkolorit. Das Dumme daran ist nur, dass die Inhalteanbieter ihre Programmbouquets mit Verschlüsselungsverfahren auf einzelne Länder beschränkt haben - Pay-TV für Italien, beispielsweise, empfangen nur Italiener mit italienischem Bankkonto, selbst wenn es europaweit ausgestrahlt bis nach Ostpolen empfangbar wäre.
Was sich Internet-Nutzer nicht vorstellen können, ist am Himmel über Europa Realität: Die lokale Einschränkung von Inhalten auf bestimmte Regionen. Das wäre im Web ungefähr so, als bekäme man von Deutschland aus verboten, die Website der Washington Post zu lesen. Und selbst wenn man sich herzlich bemüht und versucht, Pay-TV-Verträge für andere Länder abzuschließen - die Kanalbetreiber lassen einen nicht. Statt dessen muss man über Drittanbieter agieren, die einem dann höchst interessante Pakete wie "Sky UK Digital", "Sky Italia", "Canal+", "Digital+" und eine ganze Reihe anderer interessanter Pakete verkaufen - nicht selten doppelt so teuer wie im Originalland und rechtlich nicht immer auf der sicheren Seite, weil sie im Namen anderer Personen abgeschlossen werden.
Es herrscht Kalter Krieg am Himmelszelt, ähnlich wie man früher in DDR in bestimmten Regionen kein westdeutsches Fernsehen empfangen konnte. Nur ist es diesmal nicht dem Sozialismus geschuldet, sondern dem Kapitalismus: Pay-TV-Betreiber kaufen Rechtepakete nämlich immer schön nur für ihr eigenes Land ein, weil das Geld spart. Auch die aktuell in der Diskussion befindliche Sat-Verschlüsselung deutscher Free-TV-Kanäle haut in dieselbe Kerbe: RTL & Co. wollen nicht nur extra Geld von ihren Kunden sehen, sondern auch noch Geld sparen, weil man beim Rechteeinkauf dann sagen kann, seine Programme seien nur in Deutschland zu empfangen.
Ich frage mich, wo die EU bei all dem steht. Wenn in ganz Europa ein freier Markt herrscht und Programme in ganz Europa zu empfangen sind, müssten die Sender doch eigentlich dazu gezwungen werden können, ihre Pakete überall zu verkaufen. Aber nein, wir agieren hier immer noch im Sinne der Lokalfürsten, das Thema ist gar nicht auf der Agenda, weil die Medienkonzerne es praktischerweise bis jetzt unterdrücken konnten.
Der TV-Blackout wird den Betreibern aber auf Dauer nichts nützen - die Inhalte wandern statt dessen nicht selten illegal ins Internet. Schließlich haben es Piraten insbesondere da besonders leicht, wo gar kein legales Angebot besteht, wie Musiklabels schmerzlich mit Napster erleben mussten, bis Dienste wie iTunes kamen. Die gegenläufige Gefahr existiert allerdings auch: Internet-Inhalteanbieter könnten auf die Idee kommen, die Welt satellitenmäßig wieder in einzelne Länder zu zerlegen.
Bei Video-Angeboten im Netz ist das bereits heute so - wer beispielsweise kostenlose Streams großer amerikanischer TV-Sender ansehen möchte, wird mit einer Nicht-US-IP-Adresse blockiert. Doch im Internet gibt es wenigstens Nutzer, die diese Segmentierung in anderen Bereichen nicht kennen und sich deshalb lautstark dagegen aussprechen. Im Sat-Bereich ist das nicht so, da kennen viele Nutzer das hochkarätige Angebot oft gar nicht, das da neben "Premiere" & Co. auf sie abgestrahlt wird. (wst)