Bye-bye, vorbildlicher Nahverkehr

Bislang galt in der Hauptstadt die Devise, dass man für den ÖPNV eigentlich nie genug tun könne. Doch auch die Berliner spüren inzwischen den Kostendruck: Starke Kürzungen drohen, mitten in der schönsten Boomzeit für den Nahverkehr.

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Wer in den vergangenen 16, 17 Jahren den Berliner Verkehr beobachtet hat, erlebte ein bislang beispielloses Aufbauwerk: Mit hohem Milliardenaufwand wurde das Netz, das die Teilung zerschnitt, wieder zusammengefügt. bei U-Bahn, S-Bahn, Bus und Straßenbahn reihte sich Streckeneröffnung an Streckeneröffnung - von weltberühmten Verkehrsbauwerken wie der "Ringbahn" und der aufs modernste ausgebauten "Stadtbahn" bis hin zu kleineren Verbindungen, die Umland und Stadt wieder so miteinander vernetzten, wie dies vor dem Mauerbau war.

Der Berliner, der sich ja bekanntlich nicht gerade leicht beeindrucken lässt, konnte danach mit Stolz auf ein ÖPNV-Angebot blicken, das in deutschen Städten seinesgleichen suchte. Ergo: Wer nicht gerade "JWD" wohnte, kam auch ohne Auto problemlos und erstaunlich bequem durch die Stadt, selbst wenn man dann ab und zu für größere Anschaffungen ein Taxi bemühte.

Das Infrastrukturprojekt Deutsche Einheit am Beispiel Berlins kulminierte in diesem Sommer, als, nach ständigen Verschiebungen, endlich der neue Hauptbahnhof (Berliner sagen nach wie vor "Lehrter" dazu) fertig wurde - samt neuem Nordsüdtunnel mitten durchs Regierungsviertel und weiteren großen Stationen. Doch mit diesem bahntechnischen Höhepunkt, den die Berliner freudig bis begeistert annehmen, beginnt nun auch ein beispielloses Kuddelmuddel, ob man sich das alles so überhaupt leisten kann.

Der "Spaß" begann bereits damit, dass man die U-Bahn- und nördliche S-Bahn-Anbindung für den Hauptbahnhof einfach "vergaß" und sich auch nicht dazu durchringen konnte, die neue Megastation durch den teilweise brachliegenden, viergleisigen Nordsüdtunnel in kurzen Taktabständen mit Nahverkehrszügen besser anzubinden.

Ein Beispiel von vielen. Inzwischen ist in Berlin, dem nahverkehrstechnischen Vorbild, auch an vielen anderen Stellen der ÖPNV-Rückzugskampf in vollem Gange. Beim Verkehrsbetrieb BVG, der traditionell für Bus, Straßenbahn und U-Bahn verantwortlich ist, denkt man enorm laut über Streckenschließungen bei der Tram nach - ein Sakrileg, nachdem man diese erst ertüchtigt hatte und eigentlich seit Jahren endlich verstärkt in den Westen verlängern wollte.

Der Grund: Die BVG hat kein Geld und muss womöglich noch große Pensionsnachzahlungen schultern, die man sich womöglich fahrlässig beim Stellenabbau aufgebürdet hatte. Derweil versuchte der Riesenbetrieb, den Rückbau bei seinem Verkehrsmittel Bus mit einem so genannten "Metrolinien"-Konzept zu verbrämen, das nur dafür sorgte, dass die Leute länger zur Haltestelle laufen müssen.

Auch bei S-Bahn und Regionalbahn drohen Kürzungen: Die deutliche Reduktion der so genannten Regionalisierungsmittel für den Nahverkehr, ein umweltpolitisches Desaster, wird die klamme Stadt mit voller Härte treffen, selbst wenn man sich nun im aktuellen Wahlkampf mit Streichungen noch zurückhält. (Im Umland, also Brandenburg, wird bereits gestrichen.)

Fazit: Die deutsche Hauptstadt ist gerade dabei, ihren schönen, modellhaften Nahverkehr zu ruinieren, wenn sie nicht aufpasst - aus äußeren wie inneren Gründen. Und das inmitten einer Zeit, in der immer mehr Menschen sinnvollerweise auf das Auto verzichten wollen, weil der Benzinpreis ständig von Rekord zu Rekord klettert. (wst)