Atomarer Zacken

Da ist uns aber ganz schön der Schreck in die Glieder gefahren. Ein kleiner Zacken auf der Seismographen-Kurve, und das gute, alte Gespenst des weltweiten Atomkrieges ist wieder da.

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Da ist uns aber ganz schön der Schreck in die Glieder gefahren. Ein kleiner Zacken auf der Seismographen-Kurve, und das gute, alte Gespenst des weltweiten Atomkrieges ist wieder da. Na gut, die Endzeit-Uhr des Bulletin of the Atomic Scientists steht noch immer auf sieben Minuten vor Zwölf. Aber durch übermäßige Hast haben sich die ansonsten sehr präzisen und klugen Analytiker in Chicago ja noch nie ausgezeichnet.

Ist schon bitter: Da investiert die einzig verbliebene Supermacht der Welt Milliarden in Kommunikationsinfrastruktur, Sensorik und halbintelligente Waffen. Und ein bisschen 50er-Jahre-Technologie versetzt einen abgehalfterten Diktator in Nord-Korea in die Lage, nahezu gleichberechtigt mitspielen zu können im großen internationalen Machtpoker.

Ein Trost: Aus diesem Ereignis zu lernen, finde ich eigentlich ganz einfach. Denn ich brauche nur den Kollegen Tobias Hürter zu zitieren, der vor einem Jahr anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an die internationale Atomenergiebehörde geschrieben hatte: "Der beste Weg, eine riskante Technologie sicherer zu machen, ist das 1000-Augen-Prinzip: Je mehr Forscher und Ingenieure die Berechnungen und Konstruktionen prüfen und offen darüber diskutieren, desto besser werden Fehler erkannt."

Paradoxerweise gelte aber gerade für die Kernspaltung auch: "Wer hingegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen verhindern will, muss strikte Kontrolle und Geheimhaltung über das technische Wissen und Material verhängen." Sicherheit durch Geheimhaltung hat aber noch nie funktioniert. Also geht die Gleichung an dieser Stelle nicht auf: Die zivile Nutzung der Kernspaltung lässt sich nicht sauber von ihrer militärischen Nutzung trennen.

Und obwohl das keine neue Erkenntnis ist, entwickelt die US-Regierung ein sehr optimistisches Vorhaben – die Global Nuclear Energy Partnership – auf der Basis von Brutreaktoren, bei der spaltbares Material über den gesamten Globus verschoben wird. Ich fürchte also, wir werden uns in den nächsten Jahren an solche Zacken gewöhnen müssen. (wst)