Google + YouTube = Hype 2.0
1,65 Milliarden Dollar in Aktien hat sich Google den Aufkauf von YouTube kosten lassen. Und die medialen Reaktionen erinnerten fatal an vergangene Dotcom-Zeiten.
Als bereits erstaunlich alter Sack im Geschäft mit der Internet-Berichterstattung gebe ich gerne ab und an auch mal die Spaßbremse. "Jungs, macht mal halblang", sage ich dann, "das hatten wir doch alles schon mal". Nachdem in dieser Woche der Aufkauf des Video-Portals YouTube durch den Suchmaschinengiganten Google sogar zum Programmpunkt der Tagesschau (inklusive Filmbericht!) wurde, war es mal wieder soweit: Da haben wir ihn also, den nächsten dicken Brummer im aufkommenden neuerlichen Hype-Gesang.
Und tatsächlich: Näher betrachtet wirft der bislang größte "Web 2.0"-Deal nach dem Aufkauf des Social Networking-Dienstes MySpace durch den Medienkonzern News Corporation (für immerhin 580 Millionen Dollar) einige Fragen auf. Ist es die Wiederholung der Dotcom-Geldverbrennung der Jahre 1998 bis 2000 mit anderen Mitteln? Gänzlich da sind wir wohl noch nicht, doch in die Richtung tendiert es. Es gibt sogar ein direktes Vorbild: Den Kauf des Streaming-Anbieters Broadcast.com durch Yahoo im April 1999. Allerdings ging es damals um noch deutlich mehr Moneten: 5,7 Milliarden Dollar, die der Portal-Anbieter in eine Marke steckte, die heute kein Mensch mehr kennt. (Broadcast.com-Gründer Mark Cuban besitzt heute ein Basketball-Team und äußerste sich als einer der Wenigen negativ zu Google + YouTube.)
Beide Deals, das Vorbild und die geschichtliche Wiederholung, haben jedoch eines gemeinsam: Sie wurden in hochgejazzten Aktien bezahlt. Broadcast.com mit Yahoo-Papieren, YouTube mit Google-Anteilsscheinen, die der Firma derzeit einen Börsenwert bescheren, der über dem von mehreren US-Industriegiganten zusammen genommen entspricht. Der Amerikaner hat dafür einen schönen Begriff: "Sounds familiar?"
Die Protagonisten des Hype 2.0 werden mir nun entgegnen, dass Google ein solides Unternehmen mit satten Umsätzen und Gewinnen sei. Das stimmt natürlich und ist auch sehr schön, zeigt es doch, dass man im Internet inzwischen gutes Geld verdienen kann. Aber bedeutet dass auch, dass man 1,65 Milliarden Dollar für ein Unternehmen ohne vernünftige Umsätze blechen muss, das laut Insider-Angaben allein aufgrund des zu bezahlenden Datentraffics 2 Millionen Dollar im Monat verliert? Die hübschen Zahlen, die derzeit durch die Presse schwirren (100 Millionen Nutzer im Monat?!), erweisen sich bei näherem Hinsehen als nicht besonders haltbar. Hinzu kommt, dass YouTube eigentlich nur dort sexy ist, wo Urheberrechte gebrochen werden: Man schaut sich Clips aus dem US-Fernsehen an, die irgendein freundlicher Mensch hochgeladen hat. (Was natürlich eine tolle Sache ist, aber leider kein überzeugendes Geschäftsmodell, so lange wir das Copyright noch nicht abgeschafft haben.) Eigenkreationen nur auf YouTube à la "Lonelygirl15" sind zwar vorhanden, aber eher rar, wenn man es mit dem Piratenbestand vergleicht.
Natürlich, YouTube ist eine wirklich gute Netzmarke, die sich in Nullkommanix überall in die Herzen der User brachte - nicht nur in den USA. Aber wahrscheinlich ist es nur Google allein, das es tatsächlich schaffen kann, mit so etwas wirklich Geld zu verdienen (schließlich hat man die passende Werbetechnik in petto). Und mögliche Rechteprobleme in den Griff zu bekommen, weil man sich mit so etwas auskennt. Die Aktienmilliarden, die Google nun blecht, nimmt man quasi aus der Portokasse, sie sind das Resultat eines auch in den USA stark wehenden Hypes und smarter Verhandlungen seitens YouTube. (Angeblich wollte zuvor kein Medienkonzern wegen des Copyright-Risikos zugreifen.)
Was ich mit all dem sagen will, ist dies: Niemand sollte den YouTube-Kauf durch Google als verzögert aufziehende Durchsetzung der guten, alten New Economy missverstehen. Wer das doch tut, bläst nur die Blase des Hype 2.0 weiter auf. Und das kann nicht gut gehen, wie wir bereits vor gut sechs Jahren erfahren durften. Nur wirkliche Umsätze und Gewinne zählen. Das war so und bleibt so - zumindest, wenn man nicht Google im Jahre 2006 heißt. History repeating? Bitte nicht. Danke. (wst)