Geschickt verkauft

Ich weiß, ich weiß, eigentlich haben schon ALLE darüber berichtet. Aber weil das Konzept der "digitale Bohème" so viel Wiederhall widmet, will ich an dieser Stelle doch noch mal widersprechen.

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Ich weiß, ich weiß, eigentlich haben schon ALLE darüber berichtet. Aber weil das Konzept der "digitale Bohème" so viel Wiederhall widmet, will ich an dieser Stelle doch noch mal widersprechen.

"Dieses Buch ist hypermodern, jeder sollte es lesen", findet beispielsweise der Ingeborg-Bachmann-Preisträger und geschätzte TR-Mitblogger Peter Glaser. Die Rede ist von: "Wir nennen es Arbeit". Denn die Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo zeichnen ein gar wundersam rosiges Bild der digitalen Bohème: Großstadtbewohner, die dank Digitaltechnik und Internet dem "Traum des selbstbestimmten Arbeitens" bereits sehr nahe kommen – jenseits von Festanstellung oder GmbH-Gründung. In seinem schwer empfehlenswerten Video-Blog elektrischer Reporter – weil er das macht, hat Mario Sixtus nun leider keine Zeit mehr, hier zu bloggen – hat Mario Sixtus ein Interview mit den Autoren – mehr Background findet sich im zugehörigen Blog.

Friebe und Lobo setzen auf "selbstbestimmte Gruppen, Kollektivstrukturen jenseits fest angestellter Lager von Bourgeoisie und Proletariat", denn die Zeiten von Großorganisationen sind eh vorbei und "irgendwann lehnt man sich entspannt zurück, wenn man realisiert, dass man einfach keine Bewerbungen mehr schreiben muss". Alles easy, alles locker - ein bisschen Underground und ein kleiner Touch Gesellschaftsveränderung sind auch dabei. Und man braucht sich auch gar nicht mehr schlecht zu fühlen, weil man so viele Löcher im Lebenslauf hat.

Schade nur, dass ich das Gefühl nicht loswerde, das die Zentrale Intelligenz Architektur da wieder mal im wesentlichen geschicktes Marketing betrieben hat: Kommt alles ungeheuer intellektuell daher, aber die frohe Botschaft wird gar nicht medienkonform vertrieben: Stattdessen ein eigentlich ganz altmodisches analoges Buch, das auch ganz langweilig offline verkauft wird und dem altertümlichen Copyright unterliegt. Aber vielleicht unterschätze ich die Sprengkraft der Ideen ja - schließlich bin ich ein ganz altmodisch fest angestellter. Man könnte ja mal die Probe aufs Exempel machen und das Buch bei BenQ Mobile vor dem Werkstor verteilen. Da gibt es demnächst ganz viele, die dem "System Festanstellung" entrinnen. Mal schauen, was die sagen. (wst)