Vom Sinn geregelter Lebensumstände
Warum sich auch hippe Selbstständige einem vernünftigen Zeitmanagement hingegeben sollten.
Aktuell ist es ja mal wieder sehr hipp, freie und am Internet ausgerichtete kreative Tätigkeiten über den grünen Klee zu loben, in dem man ihnen schicke Labels wie "digitale Boheme" etc.pp. aufdrückt und sich so praktischerweise in einem Aufwasch zerstückelte Lebensläufe und das allseits aufkommende Prekariat schönredet.
Was ich dabei nicht wirklich verstehe: Warum stellen Leute, deren Leben auf das engste mit einer 2-Gigahertz-Maschine verschränkt ist und die schon nervös werden, wenn die neue Software nach zehn Sekunden beim Starten immer noch die Sanduhr zeigt, die Hardcore- Riege der neuen digitalen Arbeitswelt, die man hier in Berlin auch gerne als "urbanes Pennertum" bezeichnet? Geht das vielleicht auch ein bisschen erwachsener?
Geregelte Lebensumstände machen durchaus Sinn – auch das regelmäßige Aufstehen zu einer bestimmten Uhrzeit. Ich rede ja gar nicht unbedingt davon, dass der junge Kreativling aus der Großstadt eine klassische Nine-to-Five-Festanstellung anstreben sollte, bei der man sinnloserweise im Büro herumsitzt und die Hälfte der Zeit nur Solitär spielt, weil der Arbeitgeber das Gehalt nach stundenweiser Anwesenheitspflicht berechnet.
Aber nehmen Sie beispielsweise mich, den schon immer in seiner Karriere freiwillig selbstständigen Texteschreiber. Trotz aller Hipness, die mein Beruf mit sich bringt, trotz allem RSS-Feeder- Junkietum und aller Mail-Abhängigkeit versuche ich, abends um 23 Uhr ins Bett zu kommen, um dann morgens gut gelaunt meinem Tagwerk nachgehen zu können. Was im Übrigen einschließt, ab einer gewissen Zeit auch mal den Rechner in den Ruhezustand zu versetzen (was mir leider auch nicht immer gelingt).
Ich bin überzeugt davon, dass man versuchen sollte, seinen Tagesablauf auf die Reihe zu bekommen, bevor man bei aller glorifizierten Hipness mit einem Herzinfarkt aus Stressgründen endet. (Die Japaner kennen dieses Syndrom übrigens bereits seit 20 Jahren und nennen es Karoshi".) Und meine Frau, meine Verwandtschaft und meinen Hund freuen sich, mich ab und zu auch außerhalb meines Heimbüros zu sehen. Wandlung in der Arbeitswelt? Gerne. Schrankenlose Selbstausbeutung? No way. Irgendwo auf der Welt ist es immer zwischen Neun und Fünf. Manchen Wahrheiten muss man früher oder später tapfer ins Auge sehen. (wst)