Die Schatten der Vergangenheit

Fünf Jahre nach dem Ende der so genannten "New Economy", die mit dem Crash der Aktienmärkte und unter dem Verlust tausender Arbeitsplätze in sich zusammenkrachte, geht es mit der Blase im deutschen Internet wieder los.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 5 Min.

Kürzlich war ja bekanntlich Halloween, eine Zeit, in der schon mal Geister, die man eigentlich längst für tot gehalten hatte, aus dem Grab steigen können. Eine ähnliche Szenerie scheint sich aktuell in der deutschen Internet-Firmen-Szene abzuspielen. Angespornt durch große Geschäfte aus den USA (z. B. den Google + YouTube-Deal oder den MySpace-Aufkauf durch Rupert Murdoch) macht man in bester New-Economy-Manier wieder einen auf dicke Hose – und wirft nur so mit gigantischen Zahlen um sich, von denen man eigentlich dachte, dass sie seit den Zeiten der flotten NEMAX-Adhoc-Meldung vergessen seien. Geschäftsmodell-technisch irgendwie gedeckt sind die gewagten Vorhersagen, die man von den hiesigen "Web 2.0"-Unternehmungen inzwischen immer öfter hört, jedenfalls nicht.

So meldete vor wenigen Tagen eine große deutsche Wirtschaftszeitung, dass einer der drei, vier deutschen YouTube-Nachbauten sich selbst auf 130 Millionen Euro taxiere. Ergänzt wurde diese an sich schon unglaubliche Zahl einer 15-Mann-Firma um die gewagte Vorhersage, dass jenes Unternehmen Insidern zufolge im Jahr 2008 bereits 30 Millionen Euro Umsatz bei 10 Millionen Euro Gewinn nach Ebidta-Rechnungslegung erwarte. Irgendwie zu erklären sind solche Wahnsinnsbewertungen nicht – die Firma sucht, so jedenfalls der Geschäftsführer noch vor wenigen Wochen in einem online öffentlich zugänglichen Interview, erst jetzt nach einem wirklichen Geschäftsmodell, das Geld bringt.

Der besagte YouTube-Klon ist allerdings nur ein Beispiel von inzwischen einigen – all überall wird in der deutschen "Gründerszene" inzwischen über erstaunlich hohe Bewertungen getuschelt und Kontakte zu Medienkonzerne gepflegt, von denen man sich aufkaufen lassen will, weil der aus der "New Economy" bekannte Exit Börsengang noch immer nicht zur Verfügung steht. Teilweise klappt das auch schon: So stieg etwa ein großer deutscher TV-Konzern neulich bei einer hiesigen MySpace-Kopie ein.

Was all diese Start-up-Spielereien gemeinsam haben, ist dies: Nirgendwo werden nennenswerte Umsätze gemacht, die angegebenen Nutzerzahlen sind teils mehr als sportlich und die Bewertungen dementsprechend Hype-getrieben. Konzeptionell Innovatives findet sich hingegen kaum. Nahezu alle hiesigen "Web 2.0"-Start-ups, die derzeit im noch moderaten Beginn des Hypes immer wieder genannt werden, sind Kopien von US-Vorbildern. Was das in einem voll globalisierten Markt wie dem Internet bringen soll, wissen nur die Götter.

Die "Web 2.0"-Idee, dass man für wenig Geld solide Geschäftsmodelle aufsetzen könne, weil ja jetzt alles so billig sei (Hardware, Bandbreite, aber auch – dank Open Source – Software), wird dabei auf den Kopf gestellt, weil man wie in der "New Economy" vor allem US-Ideen nachbildet, die sich aber eigentlich dort nie bewiesen haben. An Einnahmen denkt man wieder viel zu spät.

Die Medienkonzerne hierzulande agieren gleichzeitig zum Teil wieder wie zu Dotcom-Zeiten: Sie werden von ihren Anteilseignern und anderen äußeren Einflüssen dazu getrieben, sich wieder im angeblich gar so heißen Internet-Markt umzutun, weil in den analogen Bereichen die Felle wegzuschwimmen drohen. Dass derlei Ängste kein guter Ratgeber sind, braucht man hier nicht näher zu erläutern.

Aber ist diese neue Blase, in der aktuell mangels Börseneuphorie noch kaum ein Otto-Normal-Verbraucher Geld verlieren kann, tatsächlich so schlimm? Immerhin fallen doch im Ernstfall nur "reiche" Medienkonzerne auf die Schnauze? Dazu kann man nur sagen, dass Hype immer verkehrt ist. Wer das nicht glaubt, schaue einmal aktuell ins Silicon Valley, wo die Blase 2.0 bereits kräftig aufgepumpt wurde. Der Boom sorgt dafür, dass alles teurer wird – und zwar für alle. Mitarbeiter werden von angeblich besonders spannenden Unternehmungen abgeworben, Server-, Bandbreiten- und Consulting-Firmen können gleichzeitig angesichts der Hype-getriebenen Inkompetenz wieder damit beginnen, Mondpreise zu nehmen.

Unterdessen geht eine neue Start-upper-Generation an den Start, die scheinbar aus dem Zusammenbruch der "New Economy" 2001 ff. nichts gelernt hat – womöglich auch, weil sie damals nicht dabei wahr. Und so kommen alte Unwahrheiten wie die Idee vom "Grow now, profit later" (jetzt wachsen, später Geld verdienen) wieder hoch, die schon die letzte Pleitewelle beförderten. Selbst wenn man heute vielleicht drei Angestellte weniger hat und statt auf die teure Datenbank von Oracle auf eine kostenlose von MySQL setzt, irgendwie wiederholt sich alles. Und diejenigen, die die Dotcom-Zeiten (üb)erlebt haben, kratzen sich erstaunt am Kopf. Geschichte wiederholt sich offensichtlich als Farce. (wst)