Standort reloaded

Deutschland scheint in der Wirtschaft als eher unattraktiv zu gelten: Zu hohe Löhne, zu viel Bürokratie. Dabei steht es wesentlich besser um den Standort, als alle immer sagen.

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Kürzlich gab es eine interessante Meldung, die die hiesige Journalistenszene aufhorchen ließ: Da hatte die "Süddeutsche Zeitung" doch kurzzeitig angedacht, ihre Online-Redaktion ins schöne Prag zu verlegen, weil dort die Löhne niedriger seien. Der Plot, den ausgerechnet ein Schweizer Blatt in näheren Details enthüllte, machte einer weiteren Berufsgruppe klar: Guckt mal, auch Ihr seid nicht sicher – nach Automobilzulieferern, Buchhaltern oder Call-Center-Agenten sind nun auch die kreativen Berufe dran.

Warum die "Süddeutsche Zeitung" ihren ambitionierten Outsourcing-Plan dann doch nicht durchführte, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Aber vielleicht lag es ja auch daran, dass eine solche Auslagerung auf dem Papier und in Beraterkreisen immer super klingt, in Wahrheit aber mit enormem Stress von Innen und Außen verbunden ist, der die möglichen Kosteneinsparungen nicht selten bei weitem überwiegt.

So klagen wir hier zu Lande immer gern über eine angeblich gigantisch hohe Steuerlast, während viele Firmen und Selbständige tatsächlich mit einer Quote von gerade einmal 20 Prozent wegkommen – wenn nicht sogar weniger. Und auch unser allüberall verhassten Finanzbeamten sind gar nicht so bürokratisch und verbohrt, wie wir immer denken: Wer schon einmal versucht hat, mit den staatlichen Geldeintreibern eines zentraleuropäischen Bezirkes zu verhandeln, wird wissen, was gemeint ist. Da gibt es dann auf Aufschubschreiben keinen Aufschub, sondern saftige Aufschläge für jeden Tag Säumnis und, nicht selten insbesondere für Ausländer, allgemein wenig Pardon.

Dann wäre da noch das Problem mit der Infrastruktur. In Deutschland besitzen wir ein großes Autobahnnetz, die Stromversorgung gilt allgemein als nahezu 100 Prozent verfügbar (Ausnahmen bestätigen die Regel) und schnelles Internet gibt es (fast) überall. In Indien muss man sich hingegen eine eigene Straße und Wasserversorgung bauen, wenn sich nicht auf die völlig überforderten Behörden in den dortigen Boomstädten verlassen will. Gleichzeitig steigen auch in solchen Ländern die Löhne bald auf Westniveau – und was bleibt dann bitte schön noch, außer gut ausgebildeten IT-Spezialisten und dergleichen mehr, die es auch anderswo und mit ständig funktionierender Stromversorgung gibt?

Vielleicht sollte man den Standort Deutschland anders bewerben. Ein Slogan wie "Funktioniert wenigstens. Jedenfalls fast immer" wäre doch ein ganz netter Anfang. (wst)