Zapping Reloaded

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass es große Websites gibt. Schließlich ist die Auswahl an Informationsquellen im Internet inzwischen derart groß, dass sich die Zahl der Nutzer rein mathematisch enorm breit verteilen müsste.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 3 Min.

Im Internet agiert der Nutzer selbstbestimmt und kann unter einem enorm breiten Angebot auswählen, was er sich ansieht. Ganz im Gegensatz zu den so genannten "alten Medien". Doch warum kreist unser Online-Leben trotzdem immer um die gleichen Seiten?

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass es große Websites gibt. Schließlich ist die Auswahl an Informationsquellen im Internet inzwischen derart groß, dass sich die Zahl der Nutzer rein mathematisch enorm breit verteilen müsste. Auch kann man mit wenigen Klicks oder der Eingabe einer simplen URL nahezu jedwedes Angebot weltweit erreichen – ob nun auf Deutsch oder Swahili.

Das ist umso staunenswerter, wenn man diese Entwicklung einmal mit der Welt vor 15 oder gar 20 Jahren vergleicht. Damals musste man noch in den Keller seiner örtlichen Bibliothek steigen, um einmal Tage später eintreffende ausländische Zeitungen zu sichten – vom eingeschränkten lokalen TV-Angebot ganz zu schweigen.

Und trotzdem ist es so, dass es in nahezu jedem Land auch heute Internet-Angebote gibt, die Leser massiv kanalisieren – Nachrichtenseiten beispielsweise oder IT-Newsdienste oder auch, um "Web 2.0"-Dinge zu erwähnen, wichtige Blogs. Selbst Englisch-Muttersprachler, die nicht nur auf die Inhalte-Auswahl weniger Länder (wie die Nur-Deutsch-Könner) angewiesen sind, treiben sich am liebsten auf lokalen Angeboten herum – immer gibt es nationale Leuchttürme.

Der Grund für die Zusammenballung der Lesermassen ist simpel: Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier. Wer früher jeden Tag um 20 Uhr im TV die "Tagesschau" geschaut hat, hat womöglich als Startseite auch immer "Spiegel Online", selbst wenn ihn die boulevardeske Aufbereitung mancher Meldung stört.

Und sogar wenn sie in das gigantische Medienwunder der Blogs und Podcasts eintauchen, probieren viele User nur am Anfang viel herum. Nach wenigen Tagen neigen sie dazu, sich hier ebenfalls einige Leuchttürme auszusuchen. So einfach es geworden ist, unglaubliche Mengen an Quellen zu sichten, wie dies etwa mit Diensten wie Google News oder einer RSS-Lesesoftware möglich ist, umso mehr Arbeit macht es auch, sich das alles wirklich anzusehen. Vielleicht steckt ja darin die Zukunft des Journalismus, als eine Art professionelle Nachrichten-Nanny für Menschen mit zu wenig Zeit. Zumindest so lange das noch nicht in Software geht.

Neben der Konzentration auf bestimmte Web-Angebote, die man je nach persönlicher "Peer Group" regelmäßig abgrast, gibt es aber noch einen anderen Trend, der an die Nutzung der alten Medien anknüpft: Das Zapping kehrt zurück. Ließ man sich früher vom Fernseher berieseln, tun das heute "Social Bookmarking"-Angebote. Mein persönlicher Favorit ist Reddit.com, wo User interessante, meist tagesaktuelle Links einstellen und diese dann bewertet werden. Die Themen sind so interessant und vielfältig, dass man bei dem Ding Stunden hängen bleiben kann, wenn man das möchte - und jeder dieser Links führt zu einem anderen Angebot irgendwo auf der Welt.

Das mag nun den Vorteil bringen, dass sich der User mehr in verschiedenen Angeboten tummelt - doch mehr als die bei Reddit & Co. verlinkte Seite liest man fast nie. Der "Social Bookmarking"-Dienst wird so wieder zur heimlichen Startseite. Und da soll noch einer sagen, die alte Idee des Portals wäre tot. Das Web ist weit, aber der Mensch ist faul. (wst)