Welche Gebietsverluste?

Beim "IT-Gipfel" in Potsdam war viel vom verlorenen Boden die Rede, die der hiesige IKT-Bereich wiedergutmachen mĂĽsste. Passt ein solcher Ansatz noch in eine Zeit der Globalisierung?

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Schlappe 100 Schreibmaschinenseiten Ergebnispapiere aus acht Arbeitskreisen produzierte der gestrige große deutsche "IT-Gipfel" in Potsdam zum Schluss, bei dem bundes- und landespolitisch alles dabei war, was Rang und Namen hatte – die Wirtschaft inklusive.

Bis 2009 sollen nun 1,2 Milliarden Euro in so genannte Wachstumsfelder fließen, 280 Millionen gibts vorab für das, was man heute so gerne "Leuchtturmprojekte" nennt. Als langjähriger Beobachter der IKT-Szene kommt man bei deren Anblick aus dem Gähnen schwerlich heraus: Von einer "europäischen Suchmaschine", die irgendwann einmal Google Konkurrenz machen könnte, ist man zum Beispiel schon deshalb weit entfernt, weil sich Frankreich und Deutschland nicht auf die Führung einigen können. Andere Themenfelder wie RFID, der GPS-Konkurrent Galileo oder ein intelligentes, IT-getriebenes Energiemanagement klingen nett, locken aber ebenfalls Innovationsführer nicht hinter dem Ofen hervor.

Kann es sein, dass wir grundsätzlich falsch an die IKT-Fragestellungen herangehen? In Potsdam war immer wieder die schöne alte Story von dem "verlorenen Boden" zu hören, den es in Deutschland in dieser Branche gut zu machen gelte. Da werden dann Dinge wie das Kompressionsverfahren MP3 genannt, das die Amerikaner und Asiaten uns angeblich aus den Händen gerissen hätten, um damit viel Geld zu verdienen – dabei sind solche Projekte doch längst internationalisiert. (Vermutlich lag vielen Politikern in Potsdam sogar der gute, alte Konrad Zuse auf der Zunge, dem dann die bösen Ausländer die Computertechnikmarktführerschaft aus der Hand rissen.)

Ich meine, dass diese schrecklichen Standortvermarktungsdebatten und Patriotismen nicht mehr in eine Zeit der Globalisierung passen. Der Unternehmer produziert dort, wo die Infrastruktur gut ist, wo er passende Arbeitnehmer zu gĂĽnstigen Konditionen findet. Und da steht Deutschland gar nicht schlecht da, gerade auch die ausrichtende Region Berlin-Brandenburg nicht, wo man sich immer noch ĂĽber kostengĂĽnstige Mieten und ein Lohnniveau freuen kann, zu dem in MĂĽnchen oder Stuttgart einige Menschen erst gar nicht aufstehen wĂĽrden (geschweige denn im Silicon Valley).

Ergo: Man braucht sich gar nicht zu verstecken und in Vorstellungen alter Größe zu schwelgen, die sowieso meist dem Historismus entspringen. Die Amerikaner machen es schon richtig: Sie vereinnahmen innovative, kluge Menschen und machen sie zu den ihren. Wer heute im Silicon Valley unterwegs ist, begegnet beispielsweise auf nahezu allen Ebenen bis in höchste Höhen hinein Menschen vom indischen Subkontinent, aber auch vielen arabisch klingende Namen. Das ist ganz normal – und diese Menschen werden als Amerikaner akzeptiert. Vielleicht muss man einfach einmal die gedankliche Basis ändern und realistisch sehen, was wir haben und wohin wir noch gelangen könnten.

DafĂĽr braucht es auch keine "IT-Gipfel" mit "LeuchttĂĽrmen", die nach ein paar Jahren ausgehen. Oder nur Kopien von Projekten sind, die es in den USA vor einem halben Jahr schon gab. (wst)