Das E-Book-Elend

Das so genannte "digitale Rechtemanagement" nervt ehrliche Käufer nicht nur bei Musik und Filmen, sondern längst auch bei Büchern.

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Kürzlich musste ich einen US-Professor zu seinem neuesten Buch interviewen. Dummerweise lag mir dieses allerdings nur in Auszügen vor, sodass sich meine Fragen doch eher flach angehört hätten. Ergo: Das vollständige Druckwerk musste her – und zwar so schnell wie möglich.

Das Problem: Der Verlag des Professors gehört zu jenen Institutionen der Universitätspresse, die ungern mal eben innerhalb von zwei Tagen Rezensionsexemplare nach Übersee schicken. Sein Hinweis auf Amazon half ebenfalls wenig: Dessen deutsche Filiale, die sonst mit einer reichhaltigen Auswahl an US-Titeln gesegnet ist, verzeichnete eine Lieferzeit von zwei bis vier Wochen, während der US-Store trotz Verfügbarkeit des Titels und schnellster Lieferklasse nach Europa (gegen Aufpreis, versteht sich!) ebenfalls mindestens eine Woche gebraucht hätte. Beim britischen Laden sah es auch schlecht aus.

Wäre es da nicht super, dachte ich mir, wenn das Buch einfach in digitaler Form vorläge? Der Professor selbst konnte mir (verständlicherweise) keine Kopie seines Manuskripts zukommen lassen, aber beim weiteren Stöbern auf der Verlagsseite erkannte ich, dass es das Buch auch als E-Book gab. Schön, dachte ich mir, probierst Du das mal aus.

Der Preis bewegte sich mit gut 13 Dollar noch im Rahmen des Erträglichen, die Kreditkarte war schnell gezückt. Ergebnis: Innerhalb von knapp 10 Sekunden lag eine gut 8 Kilobyte große Datei auf meiner Festplatte. Dass das nicht das Buch selbst im angepriesenen PDF-Format sein konnte, war mir natürlich sofort klar. Alsdann begann meine Odyssee, das brav bezahlte digitale Druckwerk irgendwie auch zu lesen.

Wirklich gnädig waren mir die Götter von Adobe, die für die kopiergeschützte Verpackung vieler heutiger E-Books sorgen, allerdings nicht. Mein etwas angestaubter Acrobat Reader, den man laut E-Book-Verkäufer im Gegensatz zu neueren Versionen verwenden sollte (die neueste Version sei nämlich inkompatibel!), lud zwar ein gut 800 Kilobyte großes PDF herunter, warnte mich dann aber mit einer Meldung, irgendein "Gutschein" sei abgelaufen. Fazit: Buch auf der Festplatte, aber nicht zu entschlüsseln, geschweige denn, zu lesen.

Dann griff ich zu meinem Laptop, auf dem die jüngste Version des Acrobat Reader spielte. Dieses Werkzeug modernster Software-Kunst forderte mich auf Doppelklick der 8-KByte-Datei auf, doch eine neue Software namens "Digital Editions" (Beta!) herunterzuladen, weil der neueste Acrobat Reader keine Möglichkeit mehr besäße, digitale Bücher darzustellen. Und siehe da: "Digital Editions" lud das bezahlte Buch tatsächlich erneut herunter und zeigte es auch an.

Blöd war höchstens, dass die Darstellung auf meinem Laptop eher unschön war: Es gab kein zeilenweises Scrolling, sondern nur ein abruptes, sodass man beim Lesen ständig auf der Suche nach dem Anschluss war – bei einem längeren Druckwerk ein eher unschöner Zustand. Die Vollbilddarstellung konnte man hingegen nur mit Lupe betrachten. Schließlich fiel mir ein, dass man das Buch vielleicht als ungeschütztes PDF "ausdrucken" könnte, um es dann doch noch auf jedem Rechner mit jeder vernünftigen Lesesoftware zu begutachten. Und siehe da: Das funktionierte tatsächlich – trotz Adobe-Kopierschutz und all den anderen Ringen aus Feuer, die der Nutzer zu durchspringen hat!

Einen kleinen Nachteil hatte die Sache dann aber doch: Das PDF wurde als Bitmap-Datei statt als PDF-Text(!) abgelegt und hatte mit seinen 300 Seiten dann irgendwas um die 100 Megabyte. Zwischenzeitlich überlege ich nun, dieses "Bilderbuch" durch eine OCR-Texterkennungssoftware laufen zu lassen, um es dann zum Beispiel wieder durchsuchen zu können. Und all das für ein Druckwerk, für das ich brav bezahlt habe. So kann die digitale Medienzukunft doch eigentlich nicht aussehen. (wst)