Allmacht 2.0

Wer sich vom Staat online überwachen lässt, ist selber schuld, weil zu blöd, einen Computer zu bedienen. Oder doch nicht?

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Heiliger Pinguin, steh uns bei! Kaum ist die Aufregung um die Online-Untersuchung wieder ein wenig runtergekocht, erklären uns die Ritter vom Orden des freien Bytes mal wieder, dass Schäuble und seine Mannen unter Allmachtsphantasien leiden. Denn, wer sich vom Staat online überwachen lässt, ist selber schuld, weil zu blöd, einen Computer zu bedienen: “Der Verdächtige muss also das Betriebssystem Windows besitzen, sich um die Authentizität des Absenders nicht kümmern und sorglos Attachments öffnen. Er muss – schlicht formuliert – ein Dümmster Anzunehmender User sein", schreibt beispielsweise Burkhard Schröder bei Telepolis. "Wenn der Generalbundesanwalt so online Computer durchsuchen will, werden sich potenzielle Straftäter vermutlich totlachen oder gleich auf Linux umsteigen, falls das noch nicht geschehen ist.”…

Und weil sich dergleichen Stimmen mehren, rudert auch der Mainstream wieder zurück. Alles kein Grund zur Aufregung, meinen die Kollegen von dpa nun: "Das BKA arbeitet bereits an den technischen Voraussetzungen zum Einsatz von Spähprogrammen. Experten zweifeln allerdings an deren Tauglichkeit in der Praxis." Tolle Sache. Wenn der Staat dem durchschnittliche US-Amerikaner zu sehr auf die Pelle rückt, kauft der sich schon mal gerne eine Pumpgun und eine Survival-Ausrüstung – und zieht damit in entlegene Wälder. Der technisch aufgeklärte Bundesrepublikaner besorgt sich eine Linux-Distribution. Mir kann keiner, ich kenne mich schließlich aus.

Leider hat das alles mit der Realität nicht viel zu tun. Auch wenn es weh tut, an dieser Stelle daher eine kleine, rote Pille: Die Mehrzahl aller Computernutzer ist tatsächlich maximal dumm. Sonst würden sich weder Viren und Trojaner derartig gut verbreiten – noch eigentlich ziemlich primitiv gemachte Phishing-Attacken tatsächlich Geld einspielen. Was aber noch viel schlimmer ist: Die Welt wird nicht von Nerds regiert. Technische Expertise ist zwar mittlerweile eine als gesellschaftlich nützlich anerkannte Spezialfertigkeit – diese ist aber, was die Machtverhältnisse angeht, nicht wirklich spielentscheidend. Politische Probleme – und Bürgerrechte und Datenschutz fallen in diese Kategorie – können daher nicht technologisch gelöst werden. Genauso wenig wie man gesellschaftliche Probleme rein individuell lösen kann. Mal ganz abgesehen davon, dass es bei Abhörmaßnahmen eine wichtige empirische Erfahrung gibt: Gesetzesvorlagen für schärfere oder weitergehende technische Überwachungsmaßnahmen dienen in der Regel nicht dazu, neue Technologien zu etablieren, sondern die real existierende Praxis zu legalisieren. (wst)