Im Relaunch-Rausch
Web-2.0-Fieber sei Dank: Nun werden auch in Deutschland die groĂźen Internet-Nachrichtenangebote ĂĽberholt. Das sieht teilweise schon recht schick aus. Nur inhaltlich tut sich erstaunlich wenig.
Der Netzfrühling ist in Deutschland ausgebrochen. Überall schallen sie einem nun auch hierzulande entgegen, die Begriffe: "Online First", "Social Media", "Web Video" und all die anderen Schlagwörter des Web 2.0, die man aus den USA schon seit zwei Jahren kennt. Kaum ein großes hiesiges Nachrichtenportal von Rang und Namen, das nicht irgendetwas neugestaltet, ergänzt oder zumindest umgebaut hätte. "Wir brauchen einen Relaunch!", schreien Verleger und Redaktionsleitungen unisono und allüberall – so häufig wie im letzten und wohl auch in diesem Jahr hat man diesen Satz zuletzt in seeligen "New Economy"-Zeiten gehört.
Daran zu bemängeln ist zunächst einmal nichts, wird damit doch die Netzwirtschaft angekurbelt: Berater beraten, Designer designen, Werber werben und Programmierer programmieren – alles wieder auf erstaunlich großem Fuß. Auch Job-technisch sieht es heute wesentlich besser aus als noch vor wenigen Jahren – Internet-Medien sind wieder hip und bieten vielfältige Beschäftigung (von den Traumgehältern alter Zeiten ist man allerdings noch weit entfernt).
Wenn man aber einmal hinter die Kulissen dieses Relaunch-Rausches blickt, wirken die Bemühungen doch recht halbherzig. Die großen Reden, das Internet werde verlegerisch nun wirklich ernst genommen, wirken wie ein Lippenbekenntnis. Was die tatsächlichen Inhalte anbetrifft, sind die Veränderungen eher kleinkariert. Klar: Da wird zwar hier und da ein Podcast hinzugefügt oder eine Blog-Initiative ergriffen, doch richtig in Inhalte investiert wird eigentlich nicht.
Nach wie vor gilt die alte Regel, dass Internet-Journalismus offenbar weniger Geld braucht. Zwar werden Zeitungs- und Online-Redaktionen zusammengelegt (siehe: "Online first"), das heißt aber noch lange nicht, dass sich irgendjemand wirklich mehr Zeit für Themen nehmen würde, im Gegenteil, die Schnelllebigkeit des Internet-Geschäfts überträgt sich eher auf die Zeitungskollegen, nicht umgekehrt.
Der Journalist, der in ordentlich ausgestatteten Print-Redaktionen früher problemlos mal eine Woche für eine Geschichte hatte (und dabei auch noch ordentlich bezahlt wurde), besitzt ein völlig anderes Berufsbild als der tagesaktuelle Onliner, der jeden Tag eine Story nach der anderen einhackt. Die Zeit für Recherchen wird immer geringer, stattdessen verbrät man lieber wassersuppenartige Agenturmeldungen, angereichert mit wenig eigenem Fleisch. Der Nutzer kriegt das mit: Ein Blick bei Google News genügt, das alle das Gleiche schreiben.
Ich habe kürzlich einmal darüber nachgedacht, ob es in den letzten fünf Jahren in Deutschland irgendeine große Geschichte gegeben hätte, die allein durch Internet-Journalismus nach oben gespült wurde. Die eine oder andere spannende Meldung gab es natürlich sicher, und zum Glück werden wichtige Web-Medien inzwischen überall zitiert. Aber den großen "Spiegel"-Titel-trächtigen Scoop, hatte den irgendjemand? Nein. Aber bitte: Warum eigentlich nicht?
Den Grund wiederhole ich hier gerne erneut: Kaum ein "General Interest"-Journalist hat online viel Zeit für Recherche oder bekäme sie auch nur bezahlt. Aber ein Netzfrühling ist nichts ohne inhaltliche Veränderungen. In den USA hat man das längst erkannt. Dort gehen Print-Journalisten auch deshalb zu neuen Internet-Medien, weil man sich wieder traut, Geld für die redaktionelle Seite in die Hand zu nehmen.
Dem Journalismus ist es eigentlich völlig egal, was seine tatsächliche Darstellungsform ist. Er braucht nur ein Medium, in dem er adäquate Beachtung findet. Das ist im Internet längst so. Aber wo ist die wirkliche inhaltliche High-End-Qualität im deutschen Web? Kommt die noch? Zu hoffen wäre es. (wst)