Wissenschaftsfernsehen zum Abschalten
Unsägliche Spielszenen, wenig Inhalt: Das groß angekündigte Forschungsmovie "2057" im ZDF kann nur als Reinfall gelten.
Ein Erfolgsgeheimnis der Sendung mit der Maus ist das bestechend klare Konzept ihrer Sachgeschichten. Wir wollen zeigen, wie ein Bleistift gemacht wird? Gut, dann zeigen wir eben, wie ein Bleistift gemacht wird. That's it, aus die Maus. Dass das nicht unterhaltsam genug sei, wurde den Maus-Machern meines Wissens in den letzten 30 Jahren eher selten vorgeworfen.
Würde dieses einfache Format heute noch eine Chance haben? Jedenfalls nicht, solange das ZDF seine Finger im Spiel hat. Um die Herstellung eines Bleistiftes zu erklären, würde die Sendeanstalt zunächst einmal einen zweitklassigen Schauspieler anheuern, der einen Tüftler spielen soll, der die Vision hat, der Welt ein neues Schreibwerkzeug zu schenken. Doch das reicht nicht: Er muss gleichzeitig auch noch unglücklicherweise eine tuberkulosekranke Frau und fünf Kinder durchbringen und hat zu allem Überfluss zudem mit der Tochter eines Tintenfabrikanten angebändelt. Im Folgenden würde dann gezeigt, wie er sich gegen alle Widerstände und Rückschläge durchsetzt und sein Enkel schließlich im tiefstehenden Sonnenlicht auf ein florierendes Bleistift-Imperium blicken können.
Zwischendurch würde dann auch noch Frank Schätzing augenzwinkernd darauf hinweisen, dass man mit dem Bleistift nicht nur Formeln, sondern auch Liebesbriefe zu Papier bringen kann. Dann würde er mit gerunzelter Stirn davor warnen, dass diese kulturgeschichtliche Errungenschaft in Gefahr ist, vom schnöden Kugelschreiber verdrängt zu werden. Das Ganze würde dann am Sonntagabend 45 Minuten lang zur besten Sendezeit gezeigt. Und wie wird nun ein Bleistift gemacht? Das, so erfährt der Zuschauer im Abspann, wird im zur Sendung erschienenen Begleitbuch genau beschrieben.
Lange Rede, kurzer Sinn: Warum ist die Wissenschaftsberichterstattung im ZDF so auf den Hund gekommen? Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Die Redaktion nimmt ihre Themen nicht ernst. Zweitens: Sie nimmt ihre Zuschauer nicht ernst. Sie glaubt nicht, dass Zuschauer sich für ein spannendes, verständlich und unprätentiös aufbereitetes Thema begeistern können, ohne von lieb- und hirnlosen Spielszenen eingeseift zu werden.
Das ist umso bedauerlicher, weil gerade das ZDF früher, als das Wort "Infotainment" noch nicht erfunden war, Maßstäbe gesetzt hat – als Hoimar von Ditfurth Geologie mit Schichttorten verdeutlichte und Volker Arzt die Vermehrung von Bakterien mit großen Sandhaufen. Das war nicht nur lehrreich und einprägsam, sondern auch hochgradig unterhaltsam. Weitaus unterhaltsamer jedenfalls als die unsäglichen Spielszenen der ZDF-Reihe "2057". (wst)