Kein Bild vom Klimawandel

Der neue IPCC-Report präsentiert neue Erkenntnisse, aber keine Erzählung. Was aber nützen Fakten ohne Motivation?

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Von
  • Matthias Urbach

Was ist das größere Problem für die Menschheit im 21. Jahrhundert: Der "Kampf gegen den Terror" oder der Klimawandel? Die meisten würden wohl instinktiv "der Klimawandel" antworten. Und trotzdem bindet der Kampf gegen den Terror ungleich mehr Geld, Taten und Aufmerksamkeit als der Kampf gegen das Kohlendioxid. Daran wird auch der Karfreitag präsentierte Bericht des UN-Weltklimagremiums IPCC über "Die Folgen des Klimawandels, Anpassung und Verwundbarkeit" wenig ändern.

Man stelle sich vor, die USA hätten das Geld für den Irakfeldzug in den Klimawandel gesteckt. Das hätte den Weltfrieden in jedem Falle mehr befördert. Tatsächlich ist der Klimawandel leichter zu bekämpfen als der internationale Terror: Mit effizienterer Nutzung der Energie und mehr Erneuerbaren Quellen ließe sich das gar ohne große Komforteinbuße regeln. Eine Beilegung der Konflikte im und um den Nahen Osten ist dagegen knifflig. (Und der Irakkrieg gehörte nicht zur Lösung.)

Es gibt kein anderes Politikfeld, in dem die Wissenschaft einen derartigen Aufwand treibt, die Stand des Wissens zusammenzutragen. Tausende von Klimaforschern schrieben oder redigierten an diesem vierten großen Lagebericht des IPCC. Als im Oktober 1990 der erste herauskam, fasste er noch vorsichtig die möglichen Risiken fürs Klima zusammen. Die jetzt in mehreren Folgen erscheinende Neuauflage lässt keinen Zweifel mehr daran, dass der menschengemachte Treibhauseffekt eine reale Bedrohung ist – und seine Folgen bereits messbar.

Und doch ist jeder Euro für den Krieg gegen den Terror leichter ausgegeben als für den Klimaschutz. Und das liegt nicht nur an den allgemeinen Formulierungen ("ein Anstieg der Häufigkeit von Dürren und Fluten", "ein Rückgang der Getreideproduktivität") der Klimaforscher, an dem Überfluss an Ergebnissen. Die Daten der Klimaforschung bleiben abstrakt, weil sie an keine große Erzählung anknüpfen können.

Der Krieg gegen den Terror dagegen knüpft nahtlos an den "Kampf der Kulturen" an. Es geht um die Identifikation mit der eigenen Gruppe, um die Versicherung der Identität. Dieser Kampf hat Gesichter, ob die der Feuerwehrleute von New York, der Angeklagten vor einem Hamburger Gericht oder der steinewerfenden Palästinenserkinder gegenüber schwerbewaffneten israelischen Soldaten. Der Kampf gegen die Erwärmung lässt uns dagegen kalt – obwohl wir alle Zeugen eines absurd warmen Winters wurden, aber niemand einen Terroranschlag erlebt hat.

Bei früheren Umweltkonflikten war das anders: Sterbende Fische in chemieverseuchten Flüssen, ein verqualmter Himmel und hustende Kinder – all das bot konkrete Bilder, klare Schuldige und war somit anschlussfähig an den gesellschaftlichen Diskurs. Es knüpfte an die Erzählung von der Habgier der Bosse, der Mächtigen an. An die antiautoritäre Bewegung, an den Wettlauf der Wirtschaftssysteme.

Dem Kampf gegen den Klimawandel aber fehlt eine große Erzählung. Was stört uns die Veränderung der Natur? Zumal sie so unsichtbar daherkommt: Kein Gift, keine Toten. Ein unsichtbares Gas, dass im Vergleich der Erdepochen zwar schnell, aber in der Dimension eines Menschenalters nur langsam die Welt verändert. Langsamer jedenfalls als der technische Fortschritt.

Und der besteht ja gerade darin, dass wir uns von ihr immer unabhängiger machen. In klimatisierten Autos, virtuellen Spielwelten und überdachten Urlaubsparks schmilzt unsere Verbindung zur Natur wie die Gletscher Grönlands – langsam aber nachhaltig. Wir sind so entfremdet, dass wir die Agrarwüsten zwischen den Städten für Natur halten.

Ohne Erzählung kann der Klimawandel keine Emotionen wecken. Die aber sind der Motor für jedes Handeln. Da hilft auch die Akribie der Faktensammler des IPCC herzlich wenig. (wst)