R2D2 im ICE

Nach dem „Global Information Technology Report“ liegt Deutschland weit hinter Dänemark, Schweden und Finnland. Dabei könnte die Deutsche Bahn zur Speerspitze für die Aufholjagd werden.

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Von
  • Gordon Bolduan

Tageszeitung lesen bedeutet für mich Lebensqualität, die ich nicht missen möchte. Besonders gerne konsumiere ich diese „on rails“ im Zug, auf der Hin- und Rückreise von Recherchen.

So auch an einem Freitag. Meine Augen ruhen gerade auf dem Vierspalter über den „Global Information Technology Report“ – herausgegeben von der von der Genfer Stiftung Word Economic Forum , als das Knacken im Lautsprecher eine Durchsage ankündigt: „Aufgrund eines Betriebsausfalles kommt es zur Verzögerungen. Drei weitere Züge befinden sich ebenfalls auf der Strecke vor uns. Wir halten!“ – irgendwo im Nirgendwo vor Nürnberg.

Die Türen öffnen sich, vereinzelt treten Passagiere auf das Geröll neben den Gleisen. Während Reisende in Rage noch das Zugpersonal wegen ihrer dahin schwindenden Anschlussmöglichkeiten bestürmen, zündet sich die rauchende Randgruppe bereits die zweite Zigarette an.

Man könnte sich sogar bei diesem Halt in der Abendsonne um Jahrzehnte in der Bahn-Historie zurückversetzt fühlen, wären da nicht die mobilen Melder, die gutgelaunt die Neuigkeit vom „Stau auf Schienen“ in ihr Handy brüllen.

Mich überrascht diese Tatsache nicht mehr: Bereits am frühen Morgen durfte ich in Nürnberg ungeplant umsteigen. Der Zug, so die Begründung, hätte nicht die Erlaubnis, in das noch Hunderte von Kilometern entfernte Österreich einzufahren. Da beruhigt es zu lesen, dass Deutschland im besagten Report wenigstens noch ein Platz vor Österreich steht.

Allerdings weit abgeschlagen von den Spitzenplätzen, auf denen sich auffällig die Nordstaaten Schweden, Dänemark und Finnland tummeln. Die Begründung für deren Vormachtvorstellung fällt im Zeitungsbericht recht simpel aus: „Die Skandinavier setzen rigoros auf moderne Informations- und Kommunikationstechnik.“ Resigniert schweift mein Blick daraufhin durch das Zugabteil. Könnte denn nicht gerade die deutsche Bahn mit einer Modernisierungswelle zur deutschen Aufholjagd blasen?

Die Reise geht weiter. Hinter dem Fenster lässt das abendliche Rot die Landschaft zu einer Glut verschwimmen, deren Wärme mich zum Eindösen verleitet. Plötzlich steht eine Zugbegleiterin neben mir. Ihre schwarzen Haare sind keck zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ein leicht aufgetragenes Make-up unterstreicht ihre grünen Augen. „Ihre Auftragsnummer dient sowohl als User-Name und Passwort!“, sagt sie während sie einen Tablet PC auf meinen Schoß legt. Ihr Lächeln entblößt eine Zahnlücke.

Eingeloggt, bewege ich mich im sorgenfreien Raum: Der Fahrgast aus Wagen 12 Platz 42 hat bereits im Forum „Herrianer“ (klingt bedenklich nach Spartianern) alle weiteren Anschluss-Verbindungen kund getan, darüber hinaus auch lohnenswerte Lokale für die Wartezeit aufgelistet. Milder gestimmt, durchstöbere die lokale DB-Lieder-Bibliothek nach passender Musik. Meine Wahl fällt auf Tom Waits.

Mit „Lucky Day“ und rauchiger Stimme in den Ohren, beobachte ich wie zwei Kleinkinder mit stoischer Ruhe einen R2D2 ähnlichen Roboter blockieren, der eigentlich die RFID-Chips auf unseren Fahrkarten auslesen sollte. Erwachsene, wahrscheinlich die Eltern, erscheinen und unterbrechen diesen jugendlichen Forscherdrang. Meine Aufmerksamkeit gehört nun einer lesenden Frau, deren Mundwinkel langsam nach oben wandern. In ihren Händen hält sie ein Buch, auf dessen Deckel sich ein Mann nach einem Schmetterling streckt.

Schnell wähle ich auf dem Display ihren Platz aus, setze eine Nachricht über den Bord-Chat ab. „Nicht fragen, selber lesen!“ blinkt es wenige Sekunden später auf dem Schirm. Zu Antwort komme ich nicht mehr, denn der Roboter gibt Töne von sich, die an die Einwahl per Modem erinnern. Sein Kopf dreht sich immer schneller. Jetzt rast er durch den Gang in meine Richtung. Sein Gehäuse touchiert mein linkes, hervorschauendes Knie.

Ich wache auf.

Hinter mir vernehme ich noch das Rumpeln des Service-Wagens, der ein neues Farbspektrum auf meiner Kniescheibe hinterlassen hat. Die Schmerzen bezeugen die Realität, der Traum ist offensichtlich vorbei. (wst)