Mein blauer Dunst

Die Möglichkeit, den eigenen Avatar unter Drogen zu setzen, erinnert mich an eine meiner Jugendsünden.

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Gestern hat der geschätzte Kollege Niels Boeing darauf hingewiesen, dass Nikotinsüchtige sich möglicherweise bald Drogentests auf der Basis von Nano-Teilchen unterziehen müssen. Schlimme Sache, deprimierende Version, zumal wir für derlei Überwachung in Zukunft wahrscheinlich noch nicht mal Nanotechnik brauchen - die Schnüffelnase des Nachbarn wird ausreichen - jedenfalls, wenn die gesellschaftliche Ächtung von Krankheitsherden im gesunden Volkskörper sich weiter so zuspitzt. Doch Rettung naht: Bereits vor einigen Wochen hat der ebenfalls geschätzte US-Kollege Simson Garfinkel in seinem Blog einen interessanten Ausweg präsentiert: virtuelle Drogen. Im Ernst, RedLightCenter.com, die offenbar ein bisschen auf der Second-Life-Welle schwimmen, bieten die Möglichkeit, den eigenen Avatar unter Drogen zu setzen - und dann die Wirkungen zu beobachten. Auf diese Weise könne man, so die Anbieter, gefahrlos die Auswirkungen verschiedenster Substanzen auf das eigene Leben simulieren - inklusive sozialer Rückkopplung durch andere Avatare.

Natürlich ist die Idee nicht wirklich neu. Sie erinnert mich vielmehr an eine meiner Jugendsünden. Nicht was Sie jetzt denken - vor Jahren habe ich einfach viel zu viel Zeit im Multi User Dungeon TUBMud verbracht, statt mich wie eigentlich vorgesehen der wissenschaftlichen Arbeit an meiner Dissertation zu widmen. Für die Jüngeren unter uns, die völlig ohne Kommandozeile aufgewachsen sind: Ein MUD ist so eine Art Fantasy-Second-Life ohne Grafik - nur auf der Basis von Text. Man loggt sich über das Internet ein, tippt Kommandos wie "go north" und der Server sagt einem, was man dann sieht. Auf dem Weg durch dieses Text-Labyrinth trifft man nicht nur Nicht-Spieler-Charaktere, sondern kann auch mit anderen Spielern kommunizieren, die gerade online sind.

Im Laufe der Wochen und Monate hatte ich mich zum Wizard hochgespielt. Das hat einen ganz besonderen Reiz, ein Wizard bekommt Zugriff auf die Programmierung des Spiels - kann sozusagen das Gewebe der Welt verändern, während er sich gleichzeitig in dieser Welt bewegt. Ein durchaus faszinierendes Gefühl, auch wenn es nur durch simplen Text vermittelt wird: Unter der glatten Oberfläche der wahren Welt verbirgt sich der echte Mechanismus - und ich kann darauf zugreifen, die Maschine hacken, den Code der Welt im Quelltext lesen. Eines der ersten Projekte, das ich angefangen habe zu programmieren, war ein Tasse halluzinogener Kaffee: Das Zeug hat in unregelmäßigen Abständen das, was irgendein zufällig eingeloggter anderer User gesehen hat, auf meinen Input umgelenkt. Der Quelltext liegt noch immer auf dem Server - allerdings ist die Software nie völlig fehlerfrei gelaufen.

Trotzdem, wenn ich damals ein Patent auf diese Idee angemeldet hätte, wäre ich möglicherweise heute stinkreich. Natürlich müsste ich mich fragen lassen, ob denn der virtuelle Drogenkonsum nicht den realen Drogenkonsum verharmlost - aber die Geschichte ist ja nicht so verlaufen. Und so sitze ich heute in der Redaktion und muss Blog-Einträge schreiben - ich denke, ich hole mir am besten jetzt noch einen Kaffee. (wst)