Die E-Pleite
In den USA gibt es aktuell einen merkwürdigen Trend: Viel beschäftigte Menschen kommen mit ihrer elektronischen Post nicht mehr hinterher und erklären deshalb ihren ganz persönlichen "Mail-Bankrott".
Bislang dachte ich eigentlich immer, dass es ein Gebot der Höflichkeit sei, auf elektronische Post auch zu antworten. Als Netzmensch, der in frühen Internet-Tagen sozialisiert wurde, neige ich außerdem dazu, meine Mails möglichst fein säuberlich zu sortieren, zu filtern und zu archivieren - schließlich weiß man ja nie, ob und wann man mal wieder was brauchen könnte.
Der Trend, so kann man es aktuell in den USA beobachten, geht allerdings in eine andere Richtung: Viel beschäftigte Menschen schaffen es anscheinend immer öfter nicht mehr, mit all ihren Kommunikationsgeräten Schritt zu halten. Gleich mehrere bekannte IT- und Wirtschaftsblogger berichten deshalb in den letzten Wochen von einem Phänomen, das auch in Deutschland bald auf uns zukommen könnte: dem so genannten "Mail-Bankrott".
Dabei begibt sich der Betroffene in eine Art selbstgewählte E-Post-Insolvenz: Er/sie sagt all seinen Kontakten, dass er/sie alle bislang erhaltenen (und nicht beantworteten!) Mails ab sofort ignoriert beziehungsweise gar löscht und die Welt doch bitte all jene Botschaften von besonderer Wichtigkeit noch einmal schicken solle.
Die Radikalität dieser Methode hat etwas für sich: Schließlich wird man mit einem Schlag die schreckliche "Ungelesen"-Markierung los und findet eine hübsch leere Inbox vor. Allerdings ist der Trend zur E-Pleite auch ein Symbol dafür, dass wir heutzutage einfach mit zu vielen Informationen zu kämpfen haben. Neben E-Mail gibt's ja schließlich auch noch IM-Botschaften, SMS, das gute, alte Telefon/Handy, Skype-Meldungen sowie neue Kommunikationsdienste a la Twitter, die man verfolgen möchte (von RSS-Nachrichtenfeeds, ohne die ich persönlich nicht leben könnte, einmal ganz abgesehen).
Und selbst wenn man den Mail-Bankrott erklärt hat - wer sagt denn, dass der ganze liegenbleibende Mist nicht gleich wieder von vorne losgeht? Schließlich ist eine leere Inbox nur so lange schön, bis sie sich wieder füllt.
Gleichzeitig müssen sich Mail-Bankrotteure die Frage stellen lassen, warum sie so unorganisiert sind, dass sich ein derart großer Haufen an ungelesenen Botschaften überhaupt erst auftürmen konnte. Ich will hier nicht dafür plädieren, dass man sich den ganzen lieben Arbeitstag lang ständig mit dem Beantworten trivialer E-Mails von den wichtigeren Dingen abhalten lassen sollte. Aber eine gewisse Organisiertheit sollte man von professionellen Internet-Benutzern schon erwarten können.
Ein guter Tipp ist beispielsweise, mit Filtern zu arbeiten und einlaufende Mails entweder automatisiert oder mit kleinen Shortcuts jeweils in den richtigen Ordner zu befördern. (Wichtige Dinge beantwortet man natürlich trotzdem sofort, schon aus Höflichkeit!) Und dann nimmt man sich eben Morgens, Mittags und Abends mal jeweils ein halbes Stündchen, um das alles durchzugehen und zu bearbeiten, was angefallen ist. Man braucht nur genügend Disziplin, die aufgrund der vielen Ablenkungen, die wir tagtäglich haben, natürlich immer schwerer durchzuhalten ist... (wst)