Die Wahrheit ĂĽber den Daten-Gau

Heute muss ich mal die Bundeswehr verteidigen. Doch doch, die Geschichte mit dem Datenverlust ist bestimmt wahr. Davon bin ich ĂĽberzeugt. Die sind einfach so.

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Heute muss ich mal die Bundeswehr verteidigen. Doch doch, Sie haben ganz richtig gelesen – nach einem Bericht des TV-Magazins Report Mainz hat die Bundeswehr nach einem Datencrash zahlreiche Berichte über Auslandseinsätze verloren. Weil sich darunter auch Akten über das Verhör des entführten Murat Kurnaz befinden sollen, vermuten einschlägige Experten nach zahlreichen weiteren Medienberichten – hier beispielsweise die Meldung der Süddeutschen Zeitung – dass es sich bei dem Datenverlust jedoch um eine faule Ausrede handeln soll.

Ich gebe zu, ein gewisses Maß an Misstrauen ist berechtigt – gegen allzu neugierige Parlamentarier und Journalisten hilft manchmal nichts besser als ein ordentlicher Gedächtnisverlust. Andererseits – wie schrieb doch Peter Glaser seinerzeit so richtig: " Das Schreiben, ohnehin nur hauchdünn stofflich in Gestalt der schwarzen Buchstabenabdrücke auf dem Papier, wird {auf dem Computer} vollends immateriell: Lichtspuren auf dem Bildschirm ... Dadurch vereinfacht sich auch die Vernichtung lästiger Romanmanuskripte wesentlich, man braucht nur noch einen Schluck Kaffee über das Speicherscheibchen zu gießen."

Nach den wenigen verfügbaren Informationen arbeitet das Zentrum für Nachrichtenwesen seit 1998 mit dem Computersystem "Jasmin" (Joint Analysis System Military Intelligence). 1998 – das ist informationstechnisch tiefste Steinzeit. So lichtschnell die Beschaffungszyklen im öffentlichen Dienst auch sind, sie kommen dem technischen Wandel einfach nicht hinterher. Ich vermute also, die dort verwendete Hard- und Software dürfte ungefähr auf dem Stand der Jahrhundertwende sein – und selbstredend proprietär und nicht vernetzt. Versuchen Sie da mal ein Backup zu machen.

Vollends überzeugt aber hat mich, was die Kollegen aus dem Newsticker zusammengetragen haben: " Bei dem Versuch, die gespeicherten Daten auf das Ersatzgerät zu übertragen, sei festgestellt worden, "dass ein Teil der Bandkassetten im Datensicherungsroboter nicht mehr lesbar war." Der Versuch, die Daten wieder zugänglich zu machen, sei gescheitert, heißt es laut dpa weiter. "Entsprechend der gültigen Vorschriften zum Umgang mit Verschlusssachen wurden die nicht mehr lesbaren Kassetten am 4. Juli 2005 vernichtet". Das haben die sich nicht ausgedacht – die sind so. Eine Institution, die es auch heute noch jungen Wehrpflichtigen ermöglicht, ihre Dienstzeit als so genannte Ordonanzen abzuleisten (also als Kellner, Zimmermädchen und Diener für das leitende Personal), in der selbstständiges Denken ungefähr so tief verankert ist, wie die berühmten ein Meter 60 Wassertiefe, bei der der Soldat ohne Befehl anfängt, zu schwimmen, ist mit Datensicherheit genauso kompatibel wie mit – sagen wir mal Demokratie. Dass dabei das eine oder andere verloren geht, braucht Niemanden zu wundern. Und jetzt genug gelesen – Weggetreten! (wst)