Der Zug der Enten
FĂĽr 500 Millionen Euro kann man eine verdammt groĂźe Menge an Quietsche-Entchen kaufen.
Manchmal muss man einfach nur Glück haben – oder ein Gespür für die einfachen Dinge des Lebens: Nachdem ein Frachter aus Hongkong im Januar 1992 im Ostpazifik einige Container mit insgesamt knapp 29.000 Spielzeugtieren verloren hatte, trieben die putzigen Enten, Schildkröten und Bieber fortan auf den Weltmeeren dorthin, wo die Strömung sie hintrieb. Der Ozeanograph Curtis Ebbesmeyer kam gemeinsam mit seinem Kollegen James Ingraham auf die Idee, an Hand der von Strandläufern gefundenen Badeenten sein Modell für die globalen Meeresströmungen zu überprüfen. Im Jahr 2003 wurde eine Plastikente auf den Hebriden im Nordwesten Schottlands gefunden, jetzt sagen die Ozeanforscher voraus, dass sie diesen Sommer in England, im Süden Irlands oder im Westen Schottlands angespült werden könnten.
Die herzerwärmende Geschichte ist vielfach besungen worden – ich bitte eventuell aufgekommene Langeweile zu entschuldigen – aber ich konnte nicht widerstehen, sie noch einmal in einen größeren Zusammenhang stellen zu wollen: Die Idee von Ebbesmeyer und Ingraham scheint mir deswegen so charmant, weil sie nicht auf die sonst üblichen Techniken zur Vermessung von Meeresströmungen setzt sondern das benutzt, was im wahrsten Sinne des Wortes vor unserer Nase liegt. Das ganze erinnert mich jedenfalls ein wenig an die Physiker der Universität von Youngstown, die eine elegante Methode ersonnen haben, um mit Hilfe des Netzwerk-Tools Ping die Ausbreitungsgeschwindigkeit elektromagnetischer Wellen zu messen, oder die italienischen Wissenschaftler, die mit Hilfe von Komprimierungsalgorithmen die Sprache eines Textes ermittelten.
Aber zurück zu den Meeresströmungen: Sie erinnern sich an "The Day After Tomorrow"? Dieses Klimawandel-Spektakel aus Hollywood, bei dem New York einfriert, weil der Golfstrom versiegt? Ende Juni hatten Wissenschaftler des Potsam Institut für Klimafolgenforschung eine Pressemitteilung verschickt, die geeignet schien, auch träge vor sich hindümpelnde Plastik-Enten aufzurütteln: Unter der Überschrift "Risiko für das Abreißen der Atlantischen Ozeanzirkulation" konnten wir erfahren, dass Regisseur Roland Emmerich vielleicht doch kein reiner Hollywood-Schocker ist, denn: "Der Abbruch eines wichtigen Teils der Atlantischen Ozeanzirkulation könnte bereits in diesem Jahrhundert unwiderruflich eingeleitet werden."
Zum Glück basierte die Meldung nicht auf neuen Erkenntnissen sondern auf einer Umfrage unter führenden Klimawissenschaftlern – was den PIK-Autoren heftige mediale Schelte eintrug. Denn der Verdacht liegt nahe, dass die ganze Aufregung nur produziert wurde, um zu kommunizieren, dass man die atlantische Ozeanzirkulation dringend näher erforschen muss. Und das kostet bekanntlich bedauerlicherweise wie immer viel Geld – rund 500 Millionen Euro in diesem Fall. Dafür könnte man eine verdammt große Menge an Quietsche-Entchen kaufen. (wst)