Social Media Overkill

Der Web 2.0-Hype hat Deutschland voll erwischt - an jeder Ecke startet ein neues soziales Netzwerk, eine frische Webanwendung oder das nächste große Mash-up. Wenigstens sind die Fallhöhen noch verhältnismäßig gering.

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Ich erinnere mich noch gut, als Google vor drei Jahren seinen technisch auch heute noch hervorragenden Webmail-Dienst Google Mail einführte. Damals war die Suchmaschine der erste Anbieter, der seiner Nutzerschaft satte 1 GB Speicherplatz kostenlos zur Verfügung stellte. Auch das Vermarktungskonzept war außerordentlich clever: Um den "Buzz" rund um den Dienst zu erhöhen, ihn gleichzeitig aber kontrolliert aufbauen zu können, kam man nur rein, wenn einem ein Freund, der schon "drin" war, eine digitale Einladung schickte. Davon bekam jeder Google Mail-Nutzer dann ab und an ein paar frische und konnte ausgewählte Mitmenschen mit dem aktuell "heißesten Ding im Web" beglücken, wie es Google damals bewarb.

Die an sich geniale Idee mit den spezialisierten "Invites" wird inzwischen viel kopiert. Jedes Web 2.0-Angebot, das etwas auf sich hält, wird heutzutage zunächst nur auf Einladungsbasis aufgemacht – auch hier geht's um Buzz-Aufbau und einen kontrollierten Start.

Blöd ist allerdings, dass es inzwischen derart viele neue Angebote gibt, dass man mit dem Besuchen und Entdecken kaum noch hinterher kommt. Vielleicht liegt es einfach an meiner Position als Berichterstatter – aber ich kann die vielen Invites und Testgesuche kaum mehr sehen. Das liegt auch daran, dass der Web 2.0-Hype Deutschland inzwischen voll erwischt hat.

Man kann sich über die Werthaltigkeit vieler dieser Jungfirmen herzlich und leidenschaftlich streiten. Gut ist allerdings, dass viele klein anfangen. Beim Hype 1999ff war die notwendige Infrastruktur noch unsagbar teuer, tolle, kostenlose Open-Source-Lösungen für viele häufige Probleme waren Mangelware und blitzende Büros fast überall ein Muss. Der Start-upper anno 2007 ist mit weniger zufrieden, verausgabt sich mehr.

Das heißt nicht, dass der Hype nicht bereits wehtut. Schon gibt es einen Mangel an vernünftig kompetenten Fachkräften und guten Web-Schraubern. Es gibt wieder technische Disziplinen, die allein der Web 2.0-Blasenbildung geschuldet sind. Und, so hört man: Chefs vernünftig finanziell ausgestatteter Start-ups werfen bereits wieder erste Blicke in den ein oder anderen Designerbüromöbel-Katalog.

Auch über die Geschäftsmodelle lässt sich wohlfeil debattieren. Selbst die größten lokalen Social Networking-Anbieter, die ihren vollständigen Funktionsumfang natürlich völlig kostenlos für die Nutzerschaft anbieten (müssen), haben teils noch deutliche Probleme bei der Monetarisierung. Online-Werbung funktioniert eben nur schlecht (bzw. bringt fast nichts ein), wenn der Nutzer eigentlich nur die Bilder von der letzten Party ansehen möchte.

Wirklich tief fallen kann allerdings noch niemand. Die in Deutschland getätigten Web 2.0-Investments sind im Vergleich zu den USA verhältnismäßig moderat. Dennoch gibt es auch hier zu Lande Medienkonzerne, die offensichtlich alles aufkaufen, was bei Drei nicht auf dem Baum ist. Okay, zu günstigeren Bewertungen als in den USA, doch mit teils zweifelhaften Geschäftsmodellen.

Ein Raunen geht außerdem durch die Branche, seit bekannt wurde, dass sich amerikanische Risikokapitalisten, denen die Preise in den USA und Asien langsam zu teuer werden, auf dem europäischen und besonders deutschen Markt umtun. Hier gibt es auch noch einen weiteren Vorteil: Der "Exit" über die Börse ist grundsätzlich einfacher.

In den USA ist der Web 2.0-IPO-Markt quasi noch nicht vorhanden, weil die Börsenregulierung nach dem Platzen der "New Economy"-Blase stark verschärft wurde. Das war bei uns nur eingeschränkt der Fall. Und wenn man sich dann die luftig-hypige Dax-Kurve anschaut... Mal sehen, was das noch wird. (wst)